Nürnberg - Hubert Aiwangers Tod hat im Freistaat Bestürzung ausgelöst. Wie es in der Bayern-Koalition und bei den Freien Wählern weitergehen kann, kommentiert NN-Chefredakteur Michael Husarek.
05.11.2026 12:22 Uhr

Ein Mann mit Ecken und Kanten. Und einer, der im Zweifelsfall dem gesunden Menschenverstand mehr Raum eingeräumt hat, als es sich für einen Spitzenpolitiker geziemt hätte. Wie ein roter Faden ziehen sich diese Einschätzungen durch die Reaktionen auf Hubert Aiwangers unerwarteten Tod - und sie sind von großer Wertschätzung getragen. Da hat uns jemand verlassen, der nicht zu ersetzen sein wird. Auch dieser Satz fällt oft - und er stimmt.

Denn der Niederbayer Aiwanger war der Gegenentwurf des feingeschliffenen Typus von Berufspolitikern, wie er uns heute allzu oft begegnet. Karrieren, die schon während des Studiums beharrlich vorangetrieben werden. Aiwanger war anders - er hatte keinen von Mentoren erstellten Plan, er verfolgte stattdessen beharrlich und eigenwillig seine Ziele: Die von ihm geführten Freien Wähler (FW) sollten endlich ernst genommen werden - von der CSU und vom Rest Deutschlands.

Aiwanger hat sein Ding durchgezogen - notfalls mit unkonventionellen Methoden

Den ersten Teil hat er vollumfänglich erreicht. Selbst ein Machtmensch wie Markus Söder musste neidlos anerkennen, dass er an seiner Seite ein politisches Schwergewicht stehen hatte. Eines, das unter dem Druck freundlicher Umarmung nicht klein beigibt. Aiwanger hat sein Ding durchgezogen - notfalls mit unkonventionellen Methoden. Wer außer ihm hätte es sich erlauben können, einem Landwirt die Strafe für ein Vergehen zu bezahlen, das eine Behörde zuvor ausgemacht hatte? War Aiwanger nicht Teil jenes „Staates“, als Minister und Vize von Söder?

Das war er auch - aber eben nicht nur. Bauernschläue wurde ihm häufig attestiert, und es schwang dabei stets ein wenig Neid mit. Im ländlichen Raum konnte Aiwanger auch dank seiner Rhetorik und seines Dialekts immens punkten, auch wenn er ab und an auf dem schmalen Grat zwischen Populismus und demokratischer Mitte abzurutschen drohte. Am Ende hat er die Freien Wähler landespolitisch zwischen der CSU und der AfD platziert - eine absolute Ausnahme in der Bundesrepublik. Nirgendwo anders gibt es eine im zweistelligen Prozentbereich verankerte bürgerlich-liberale Ergänzungspartei.

Diesen Raum zu verteidigen, bestenfalls um urbane Elemente (in den Ballungszentren sind die FW meist sehr schwach) zu ergänzen - das wird die Aufgabe des Aiwanger-Nachfolgers sein. Einer, der auch Stadt kann, ist Bayerns Digitalminister Fabian Mehring. Ihm werden gute Chancen eingeräumt, Aiwanger an der FW-Spitze zu beerben. Wer auch immer dem Urgestein folgen wird, er (mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es keine Frau sein, denn die FW verfügen über zu wenige Spitzenpolitikerinnen) würde wohl Aiwangers zweites, unerreicht gebliebenes Lebensziel zu Grabe tragen müssen - an die bundesweite Etablierung des bayerischen Erfolgsmodells glaubt selbst in den eigenen Reihen kaum einer. Aiwangers Vermächtnis, die Nähe zu den Sorgen der Wählerinnen und Wähler, muss hingegen bewahrt werden - dieses Nähe-Versprechen ist die politische DNA der Freien Wähler.