
Zumindest Boris Rhein kann wieder mit geschlossenem Fenster schlafen. Der hessische CDU-Politiker hatte sich selbst zum Kandidaten für das Bundespräsidentenamt gekürt, ist aber mangels weiblicher Attribute aus dem Rennen. Denn Friedrich Merz hat sich tatsächlich festgelegt, endlich festgelegt, jedenfalls ein bisschen.
Gewiss, es geht um das formal höchste Amt im Staat, dessen bisherige Inhaber ihren Spielraum höchst unterschiedlich interpretiert und genutzt haben. Wer auf Frank-Walter Steinmeier folgt, will gut bedacht sein. Doch das, was CDU-Chef Friedrich Merz und seine Partei seit Monaten abliefern, wird dem nicht gerecht. Merz zögert und zaudert und beschädigt nebenbei Kandidatinnen und Kandidaten. Selbst aus der Selbstverständlichkeit, dass nach einem Dutzend Männern im Schloss Bellevue eine Frau als Bundespräsidentin mehr als zwingend ist, macht er ein Drama.
Merz kann sich nicht durchsetzen, das sagt viel aus
Merz, das zeigt sich, hat seine CDU nicht im Griff; ihm fehlt die Autorität nach innen. Natürlich liegt das Vorschlagsrecht zunächst bei der CDU als stärkster Partei, das stellt niemand in Frage. Doch was hindert sie daran, Ilse Aigner zu benennen? Die CSU-Politikerin besitzt das Format für den Job; sie wird geschätzt in CDU und CSU, SPD und Grünen. Seit Monaten steht ihr Name ganz oben auf der Liste der Genannten, ernsthaft widersprochen hat niemand. Auch Merz nicht, der Aigner nahesteht.
Eigentlich wollte der CDU-Chef seine Präferenz schon vor Wochen verkünden. Ein stabiler Parteivorsitzender hätte das getan und seine Wunschkandidatin notfalls gegen interne Widerstände durchgesetzt. Die endlose Diskussion um seine Person hat ihm die Kraft dazu genommen. Es ist kein gutes Omen, wenn ein Kanzler, der das Land durch eine schwere Krise steuern soll, schon eine solche Personalie nicht auf die Reihe bekommt.
Dabei wirkt es tragisch, wie verzweifelt die CDU nach Alternativen sucht. Wenn sich bislang niemand aus ihren Reihen aufgedrängt hat - wo soll da plötzlich die Überraschungskandidatin herkommen; wo hat sie sich bislang versteckt, die alle versöhnt, auch die CSU, und die SPD und Grüne ebenfalls überzeugt? Merz wäre gut beraten, wenn er das Gezerre spätestens am Montag beendet.
Da tagt nicht nur das CDU-Präsidium; am Abend treffen Merz, CSU-Chef Söder und Ilse Aigner bei einem Münchner Termin öffentlich aufeinander. Der Kanzler sollte deshalb besser nicht mit leeren Händen anreisen, wie schon beim CSU-Parteitag. Auch in der Schwesterpartei ist die Geduld aufgebraucht, verstehen die Protagonisten das Zögern nicht mehr.
Zumal Ilse Aigner durchaus dem Profil entspricht, dass die CDU für die Kandidatin zeichnet. Herzenswärme besitzt sie, auf Menschen zugehen kann sie. Und dass sie den richtigen Ton trifft in der Auseinandersetzung mit dem wachsenden Rechtsextremismus und der erstarkenden AfD, hat sie mehr als einmal bewiesen. Sie wäre geeignet. Jetzt muss das nur noch die CDU begreifen.

3 Kommentare
Kantigenes
Der Kanzler bestimmt laut Verfassung die Richtlinien der Politik und nicht, wer Bundespräsident-in wird. Herr Merz, sie müssen nicht mit der Verfassung unterm Arm herumlaufen, aber sie sollten diese wenigstens kennen.
05.11.2026 01:39 Uhr