Nürnberg - „Bezahlbarkeit“: Ein Begriff macht Furore. Alle Parteien reden davon - aber wer sorgt wirklich dafür, dass lebensnotwendige Güter bezahlbar bleiben? Das wäre das beste Mittel gegen wachsende Wut und gegen Populisten, kommentiert Alexander Jungkunz.
26.10.2026 08:00 Uhr

Was sind die größten Sorgen der Deutschen? Auf den ersten fünf Plätzen finden sich vier Wirtschafts-Themen. Ganz vorn stehen die steigenden Lebenshaltungskosten, gefolgt von Steuererhöhungen und Leistungskürzungen, staatlicher Überforderung durch Geflüchtete, schlechter Wirtschaftslage/Rezession und unbezahlbarem Wohnraum.

Da überrascht es nicht, wenn „Bezahlbarkeit“ der Begriff der Stunde ist. Quer durch alle Parteien macht er die Runde. Die CDU forderte kürzlich nach ihrem Krisen-Gipfel „Bezahlbarkeit“, SPD, Grüne auch, die Linke sowieso - und die AfD redet ebenfalls davon.

Einkommensschwache erlebten keinen Wohlstandsgewinn

Wer einkauft, tankt und Miete zahlt, wünscht sich nichts mehr als Bezahlbarkeit. In den vergangenen Jahren stiegen die Preise für Lebensmittel, Wohnen und Energie stärker als die anderer Produkte - das aber sind elementare Güter, die jeder braucht. Hinzu kommt: Einkommensschwache erlebten in den vergangenen Jahren keinen Wohlstandsgewinn - während das obere Zehntel um knapp 60 Prozent zulegen konnte.

Da fühlen sich viele nicht nur abgehängt, sie werden es auch zusehends wirklich. Der liberale britische Publizist und Historiker Timothy Garton Ash - jeder klassenkämpferischen Haltung unverdächtig - sagte kürzlich: „Wir brauchen eine bessere Verteilung des Wohlstands. Die Zahlen zeigen, dass die wirtschaftliche Ungleichheit nach einem historischen Tief in den Siebzigerjahren wieder stark gestiegen ist. Das ist ein zentrales Problem.“

Was Ash sagt, gibt auch anderen zu denken, die mit Sorge auf die Folgen dieser Entwicklung blicken. Und sie sehen darin auch den entscheidenden Grund für die wachsende Wut in Europa, dessen Staaten ähnliche Probleme und deren Bürger ähnliche Sorgen haben. Wer für sich keine Zukunft sieht und sein Leben immer schwieriger finanzieren kann, der wendet sich gegen einen Staat, der oft falsche Prioritäten setzt und Menschen höchst unterschiedlich belastet: unten ziemlich massiv und teils sogar mit steigenden oder neuen Steuern, oben bei den Vermögen dagegen sehr moderat, gerade in Deutschland übrigens.

Eine höhere Tabaksteuer mag sinnvoll sein - sie belastet aber die unteren Bevölkerungsgruppen mehr als andere. Oder: Wenn Steuern gesenkt werden - warum dann nicht die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel? Der Tankrabatt bringt wirklich Armen nichts, weil sie oft gar kein Auto haben. Da braucht es mehr Differenzierung bei Be- und Entlastungen, die nur für Menschen mit geringen und mittleren Einkommen greifen sollten.

Die Menschen müssen den Staat als Verbündeten erleben, nicht als Gegner

Man muss die Enteignungs-Experimente der Linken in Berlin kritisch sehen. Aber: Das Thema trifft einen Nerv. In New York gewann Zoran Mamdani die Wahl mit dem Stichwort „Bezahlbarkeit“ - ob er sie erreichen kann, ist ein spannendes Experiment. Die Menschen müssen den Staat als Verbündeten erleben, der das Leben vieler verbessert, nicht als Gegner. Sonst verlieren sie Vertrauen, mit üblen Folgen - siehe Frankreich und anderswo.