
Das Amt des Staatsoberhaupts war lange Zeit eines, über das man mild gelächelt hat. Orden verleihen, einmal im Jahr eine wichtige Rede halten, Staatsbesuche unternehmen, Unterschriften leisten - so in etwa lautete die Aufgabenbeschreibung. Das könnte sich beim nächsten Bundespräsidenten, bei der nächsten Bundespräsidentin gewaltig ändern. Je stärker die linken und rechten Ränder werden, je schwieriger die Regierungsbildungen sind, desto eher wird an der Spitze des Staates eine wortgewaltige Stimme gebraucht.
Deswegen ist es schwer nachzuvollziehen, warum der CDU-Vorsitzende und Bundeskanzler Friedrich Merz die Angelegenheit so in die Länge zieht. Ilse Aigner ist seit der Nominierung durch Markus Söder schon Monate auf dem Kandidatenmarkt. Und sie bringt vieles mit, was sie geeignet erscheinen lässt.
Es wäre Zeit für die erste Frau nach zwölf Männern
Die Frau aus Oberbayern ist mit 61 Jahren in einem guten Alter, um dieses protokollarisch höchste Amt im Staate zu übernehmen. Sie beweist als Parlamentspräsidentin schon jahrelang, dass sie über die nötige Durchsetzungskraft verfügt. Sie hatte zahlreiche politische Ämter auf Bundes- und Landesebene inne. Zudem wäre sie die erste Frau nach zwölf Männern und die erste Vertreterin der CSU.
Es kann ja sein, dass Friedrich Merz jemanden im Kopf hat, den oder die er für besser hält. Immer wieder werden Annegret Kramp-Karrenbauer (Ex-CDU-Chefin) und Karin Prien (Bundesfamilienministerin) genannt. Aber dann gibt es keinen Grund, warum er so lange damit wartet. Immerhin wird das neue Staatsoberhaupt schon Ende Januar gewählt. Und es muss ja auch noch die SPD als Mehrheitbeschafferin in der Bundesversammlung einbezogen werden, die dem Vernehmen nach mit Ilse Aigner sehr einverstanden wäre.
Das ursprüngliche Argument von Merz, er wolle noch die drei Landtagswahlen vom September 2026 abwarten, war nachvollziehbar. Denn diese Wahlen änderten ja nochmal die Zusammensetzung des Wahlgremiums, wenn auch nur geringfügig. Aber die liegen nun auch schon wieder fünf Wochen zurück. Es gibt also keinen Grund, immer noch auf Zeit zu spielen. Außer den, dass sich der Kanzler unsicher ist, wen er unionsintern überhaupt durchsetzen kann. Das wäre ein schlechtes Zeichen.
Ahmt Merz seiner Vorvorgängerin Merkel nach und verhebt sich an der Präsidentenfrage
Inzwischen ist davon die Rede, dass die Nominierung Anfang bis Mitte November erfolgen soll. Das sollte dann auch wirklich geschehen, wenn Friedrich Merz noch halbwegs den Eindruck erhalten will, er sei der Herr der Lage. Immerhin könnte es der einzige Präsident sein, den er küren darf. Seine Vorvorgängerin Angela Merkel hatte bei Präsidentenwahlen kein gutes Händchen - sowohl Horst Köhler als auch Christian Wulff schieden frühzeitig aus. Und nur das letzte „ihrer“ Staatsoberhäupter, Joachim Gauck, war ein Volltreffer. Ausgerechnet den hatte sie aber lange Zeit verhindert und eher widerwillig nominiert.


5 Kommentare
Wowo
Das sehe ich auch so wie Korrekturleser. Es kommt auf die Qualifikation und nicht auf das Geschlecht, dick oder dünn, groß oder klein an, wie es bei Manchen als wichtig gesehen wird. In diesem Fall würde ich aber auch sehr hinter Ilse Aigner stehen, da ich ihr das zutraue und sie auch parteiübergreifend akzeptiert wird. Erfahrung hat sie auch reichlich gesammelt.
27.10.2026 19:08 Uhr