
Hinter Markus Söder liegen wilde zehn Monate. Erst straft der Parteitag ihn kurz vor Weihnachten bei seiner Wiederwahl als CSU-Chef mit einem historisch schlechten Ergebnis ab; dann probt Manfred Weber zu Pfingsten den Aufstand, kreiden viele in der Partei ihm das miese Abschneiden der CSU bei den Kommunalwahlen an. Von Söder-Dämmerung ist die Rede, von einem baldigen Karriere-Ende für den Nürnberger.
Die Revolte ist ausgeblieben, nicht nur, aber auch, weil sich keine Rädelsführer gefunden haben. Söder hat die Signale verstanden, zurück zur Seriosität gefunden und seine Selbstbezogenheit reduziert. Das wirkt, nicht nur in die CSU hinein. In den Umfragen liegt seine Partei stabil bei 36 bis 38 Prozent. In früheren Zeiten wäre der Wert zwar eine Katastrophe gewesen. Heute, in einer Welt mit AfD und Freien Wählern, gilt er als Erfolg.
Die CDU wäre nicht die erste konservative Partei, die untergeht
Söders schärfster Konkurrent um die Merz-Nachfolge etwa wäre froh, käme er auch nur in die Nähe solcher Zahlen. Hendrik Wüst und seine CDU sacken in Nordrhein-Westfalen ab, während die AfD zulegt. 29 zu 25 Prozent - ihm droht ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das Wüst im Kampf um die Macht zuhause und um das Kanzleramt mit Söder nicht braucht.
Für die CDU stellen sich nicht nur wegen Nordrhein-Westfalen existenzielle Fragen. Sie wirkt führungs- und orientierungslos; ihr fehlen Antworten auf die AfD, die fortschreitende Radikalisierung des politischen Diskurses und eine bürgerliche Mitte, die sich deprimiert von ihr abwendet. Die CDU wäre, so weit ist es schon, nicht die erste konservative Partei in Europa, die untergeht.
Söder mit seinem Gespür für die Schwächen anderer sieht das als Chance. Für sich. In München präsentiert er Bayern als letzte Bastion gegen die AfD und übt offen Kritik an der Performance der Berliner Regierung wie der Schwesterpartei CDU - was sonst den Zorn des CDU-Chefs garantiert hätte. Der bleibt lammfromm, obwohl die CSU Teil der Bundesregierung ist und Teil der Union. Sie ist mitverantwortlich für den Erfolg wie den Misserfolg.
Söder koppelt seine CSU davon ab und präsentiert sie als neue konservative Kraft. Der Nürnberger warnt seine Schwesterpartei vor einem Ausweichen nach links; für ihn liegt die Antwort auf die AfD rechts von der Mitte, in einer Rückbesinnung auf traditionelle Werte. Es ist eine gefühlige Linie, die sich seit Monaten abzeichnet, angefangen bei den Attacken auf den Bayerischen Rundfunk, der mehr Volksmusik spielen soll, bis zum Parteitag. Dort zelebriert eine volkstümelnde CSU mit Bildern historischer Gebäude aus Bayern und Blaskapelle statt Popmusik vom Band - ein Novum in der Parteitagsgeschichte.
In düsteren Zeiten sehnen sich die Leute nach Geborgenheit, nach einfachen, aber klaren Botschaften. Söder will ihnen beides geben. Doch Gefühle sind keine politische Währung, sondern nur ein Vehikel. Zwischen schönen Worten und schmerzhaften Taten liegen Welten. Auch für Söder.


2 Kommentare
Emerelle
Ich will dass das alles aufhört…
27.10.2026 02:25 Uhr