
Der 2018 vollendete Neubau, den das Nürnberger Büro stm°architekten für die Wohnanlage in der Veillodterstraße 1 geplant hat, hebt sich wohltuend aus dem Einheitsbrei der weniger kreativen örtlichen Bauträger ab, die sich nicht mal trauen, die Entwerfer ihrer Objekte öffentlich zu nennen. Maß und Traufe lehnen sich strukturell an die Bebauung der Nachkriegszeit an der angrenzenden Lindenaststraße an; die kristalline Dachform verleiht ihm einen interessanten, skulptural angehauchten gestalterischen Kniff. Man hat hier offenbar bestmöglich die Forderungen des Bauherrn mit den örtlichen Gegebenheiten in Einklang zu bringen versucht.
Das Problem beginnt viel früher. Denn für diesen Neubau musste ein Bauwerk weichen, das wie kaum ein anderes die Industriegeschichte des Stadtteils Maxfeld überlieferte. 1861 gründeten die Gebrüder Georg Heinrich Adalbert und Christian Friedrich Reich hier eine Metallblatt- und Bronzefarbenfabrik. Das damals errichtete klassizistische Wohn- und Verwaltungsgebäude musste ab 1864 durch die Maurer- und Zimmermeister Lucian Goll, Johann Birkmann und Sebastian Hurst mehrfach erweitert werden, zuletzt 1872 durch ein modernes Stampfwerk zur Herstellung von Metallplatten.
Und warum Pinselfabrik? 1903 ging das Grundstück an den Fabrikanten Ferdinand Oberndorfer, der in den Gebäuden fortan unter anderem die beliebten Rasierpinsel der Marke „Ocean“ herstellte. Später produzierte hier der Glühlampenhersteller Geppert & Stadelmann. Zuletzt nutzten stm°architekten und das Theater „Pfütze“ die Räumlichkeiten des sanierungsbedürftigen Gebäudes.
Obschon das markante Wohn- und Verwaltungsgebäude 1944 und 1945 von Fliegerbomben gebeutelt wurde, zeigte es sich bis zuletzt nahe an seinem historischen Zustand mit einfacher Lisenengliederung, strengem spätklassizistischen Fassadenraster, stichbogig geschlossenen Fenster- und Türöffnungen mit Profilgewänden, Walmdach und reizvollen Details wie den Ziergittern an den Oberlichtern und an den reich geschmiedeten Toren an der Lindenast- und Veillodterstraße. Sogar die alten Kastenfenster hatten zum Teil die Zeiten überdauert. Für die Denkmalbehörden indes reichte das nicht, um die Pinselfabrik als Einzeldenkmal unter Schutz zu stellen.
Das Nürnberger Unternehmen „Bauhaus“ (jetzt „Bauwerke – Liebe & Partner“), das das Grundstück erworben hatte und gewinnbringend verwerten wollte, hatte daran erwartungsgemäß auch kein Interesse. Proteste von verschiedenen Seiten – namentlich der Anwohner-Initiative mit ihrer engagierten Sprecherin Heike Hein und die „Stadtbild-Initiative Nürnberg“ - konnten den Abbruch nicht abwenden.
Man kann es einer Bauunternehmung nicht verübeln, dass sie ihren Geschäften nachgeht. Dass sie dafür aber historisch und städtebaulich wertvolle Altsubstanz und Freiflächen opfert, muss man nicht gut finden. Jetzt ist die Pinselfabrik weg und an ihrer Stelle ist das 2017 fertiggestellte „Max Palais“ getreten, das wegen des verlegten Eingangs die neue Anschrift Lindenaststraße 13/15 trägt. Ob dieses auch eineinhalb Jahrhunderte lang hält, wird sich dereinst zeigen.
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