
Jugendliche sind ungestümer als Erwachsene, sie handeln häufiger aus einem Bauchgefühl heraus, nicht jeder Beitrag wirkt deshalb allzu reflektiert. Wer mit derlei Binsen, die derzeit wie ein Flächenbrand in Europa verbreitet werden, die Proteste der jungen Generation abtut, wird den Ursachen dieser länderübergreifenden sozialen Bewegung nicht ansatzweise gerecht.
Denn - Achtung, damit sind keine Gewaltexzesse gemeint, die durch nichts zu rechtfertigen sind - die Jugend hat allen Grund, auf die Straße zu gehen. Ihre Lebensrealität ist in vielen Staaten trist: versiffte Toiletten in maroden Schulhäusern, zu wenig Lehrkräfte, wenig Perspektive für Jobs und somit eine latente Gefahr, auf Dauer abgehängt zu werden. Gleichzeitig, so die ebenfalls nicht unzutreffende Wahrnehmung vieler, klafft die Schere zwischen Reich und Arm eklatant auseinander.
Und was macht die Politik? Laboriert an den Sozialsystemen, versucht, die Älteren (und somit die große Mehrheit der Wählerinnen und Wähler) abzuholen, so weit das in Zeiten leerer Staatskassen eben möglich ist. Die Jugend fällt da mancherorts komplett durchs Raster. In Frankreich ist seit Wochen zu beobachten, wohin die Nicht-Beachtung der Protestierenden führt - in eine Gewaltspirale, aus der es kaum ein Entrinnen gibt.
Denn militante und extremistische Kräfte, vor allem von Linksaußen, gaukeln Unterstützung vor und marschieren als gewaltbereite Trittbrettfahrer an der Spitze der Bewegung. Mit dem Ergebnis, dass die eigentlich berechtigten Interessen der nächsten Generationen unter den Tisch fallen. Sie gehen in der nachvollziehbaren Empörung über brennende Rathäuser, vagabundierende Hooligans und Steine werfende Demonstranten unter.
Längst brennt es in halb Europa: In Österreich waren es friedliche Proteste der Studierenden, in Frankreich zunächst die Abgehängten in den Banlieus, in Albanien Unzufriedene mit der Regierungspolitik, in Spanien die desaströse Mietsituation, in Italien die Teuerungsraten und so weiter. Es mögen partiell unterschiedliche Motive den Ärger und die Ängste ausgelöst haben, die Grundproblematik ist und bleibt dieselbe: Jugendliche und junge Erwachsene haben keine Lobby, sie werden bestenfalls nicht ernst genommen, im schlechtesten Fall gelten sie als aufsässig.
In Deutschland gibt es übrigens keinerlei Grund, sich sorglos zu zeigen. Es erstaunt, wie wenig organisiert derzeit die Jugend der Politik gegenübersteht. Doch das kann sich (und dürfte angesichts der europaweiten Bewegung) ändern – vor wenigen Jahren brachte die Klimadebatte auch hierzulande Zehntausende auf die Straßen.
Statt auf weitere Unruhen zu warten, die am Ende wieder populistischen Kräften in die Karten spielen, sollte endlich eine seriöse Bildungs-, Klima- und Wohnungspolitik gemacht werden. Diese drei Politikfelder hätten unmittelbare Auswirkungen auf die Lebensrealität vieler, die sich derzeit auf den Straßen Europas tummeln.
3 Kommentare
Kantigenes
... und gewaltbereite Rechtsextreme, Herr Husarek. Und - in beiden Rändern - man sieht mit Staunen im Aiwanger- Söder - Eierkuchen- und gesundheitszufriedenen Bayern von rechts einen einbrechenden "Rand" von 20 Prozent plus x.
Und es gibt geistige Gewalttäter, deren Gift viel wirksamer ist, was "die Politik", ums mal pauschal zu sagen, gar nicht zur Kenntnis nimmt, früher nannte man es mal Propaganda mit einem hinkenden Vortänzer.
22.10.2026 13:12 Uhr