Berlin - Das Totenglöckchen wurde dieser Partei schon oft geläutet. Aber so ernst stand es selten um die FDP. Nun trat der Vorstand zurück - aber der Vorsitzende Christian Dürr will nicht aufgeben. Das wird schwer, kommentiert Alexander Jungkunz.
24.03.2026 15:51 Uhr

Es war schon fast eine Art Totenschein, ausgestellt vom Bundeskanzler: Die FDP „wird keine Rolle mehr spielen“, sagte Friedrich Merz nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg. Da kamen die Liberalen auf 4,4 Prozent - in ihrem Stammland. Nun, in Rheinland-Pfalz, waren es 2,1 Prozent. Die Partei wird gar nicht mehr extra gelistet, sie läuft unter „Sonstige“.

Ein dramatischer Absturz. Aber ist es auch schon der faktische Untergang, wie ihn der Kanzler diagnostiziert hatte? Am Montag nach dem zweiten Wahl-Debakel erklärte der gesamte Bundesvorstand der FDP seinen Rücktritt. Doch kurz darauf verkündete Parteichef Christian Dürr seinen Rücktritt vom Rücktritt: Beim vorgezogenen Parteitag im Mai will er erneut antreten.

Wie will Christian Dürr nun schaffen, woran er bald ein Jahr lang scheiterte?

Das kann man mutig nennen, aber auch verwegen: Dürr ist kaum präsent, mit den immer gleichen wirtschaftsliberalen Positionen scheiterte er krachend. Wie will er nun schaffen, was zuvor - in knapp einem Jahr - nicht gelang?

Doch andere Bewerbungen sind rar. FDP-Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann wäre bereit, als Teil einer Doppelspitze anzutreten - die es aber bisher nicht gibt. Der manchmal irrlichternde Altliberale Wolfgang Kubicki winkte schon ab. Er hätte (wenn auch abblätternd), was auch Strack-Zimmermann besitzt: Profil und Popularität. Die streitbare Liberale könnte wenigstens eines erreichen: mediale Aufmerksamkeit.

Aber wofür soll die FDP stehen? Eigentlich hat das Land eine echte liberale Partei bitter nötig. Die Zeichen stehen auf Einengungen von Freiheit - nicht nur durch Bürokratie, die Firmen lähmt. Auch beim teils maßlosen Vorgehen von Polizei und Justiz gegen deftige Kritik an Regierenden im Netz. Auch in der Kulturpolitik, wo Wolfram Weimers Kurs eben nicht auf Kunst- und Kulturfreiheit abzielt. Und fürs Digitale fehlen Regeln, die Freiheit sichern und Individuen schützen.

Freiheit ist gerade den Deutschen weit weniger wichtig als Sicherheit, erst recht in unsicheren Zeiten. Da wäre eine Kraft gut, die gegenhält. Die FDP war da schon mal weiter, lange her - mit ihren Freiburger Thesen von 1971. Vier Kernsätze daraus: „Liberalismus nimmt Partei für Menschenwürde durch Selbstbestimmung“. Er „nimmt Partei für Fortschritt durch Vernunft“, er „fordert Demokratisierung der Gesellschaft“- und, man staune, er „fordert Reform des Kapitalismus“. Umweltschutz müsse „Vorrang vor Gewinnstreben und persönlichem Nutzen“ haben.

Wenn ein Schweizer Milliardär moderner klingt als die aktuelle FDP

Das Thema gaben die Liberalen dann ohne Gegenwehr an die Grünen ab. Doch auch Streit darüber, wie Klimaschutz und Nachhaltigkeit am besten funktionieren, wäre lohnend. Interessant, was kürzlich der Chef des Weltwirtschaftsforums Davos sagte, der Schweizer Milliardär und Unternehmer André Hoffmann: „Das Modell des heutigen Kapitalismus hat zu tiefgreifenden Problemen geführt – Klimawandel, Umweltverschmutzung, soziale Ungleichheit. Wir müssen hier besser werden.“ Klingt moderner als die aktuelle FDP.