
Collien Fernandes findet Fake-Profile mit pornografischen Inhalten über sich im Internet. Mutmaßlich erstellt von ihrem damaligen Ehemann. Gisèle Pelicot wird betäubt, missbraucht und anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten. Der Täter ist ihr Ehemann. Eine 47-Jährige wird mitten in einer Straßenbahn in Gera mit Benzin übergossen und angezündet. Verurteilt wird ihr damaliger Ehemann.
Werden solche Fälle bekannt, folgen die Reaktionen immer wieder demselben Muster: Frauen melden sich in den sozialen Medien zu Wort, erklären, dass das keine tragischen Einzelfälle sind, und fordern Konsequenzen. Viele Männer dagegen relativieren die Häufigkeit solcher Fälle, indem sie sagen, es seien doch nicht alle Männer so.
Der Einwand stimmt zwar, greift aber zu kurz. Es geht nicht darum, dass nicht alle Männer Frauen belästigen, schlagen oder vergewaltigen. Es geht darum, was sie gegen das System, das all das ermöglicht, tun. Oder eben nicht tun.
Aussagen wie „Wir sind noch nicht wütend genug“, die aktuell auf Social Media oder Demos - am Sonntag ist eine um 15 Uhr am Nürnberger Kornmarkt - zu hören sind, verzerren dabei die Diskussion. Es fehlt nicht an Wut von Frauen, sondern an Widerspruch von Männern, wenn andere Männer Übergriffe verharmlosen oder Täter entschuldigen.
Solange Männer so tun, als handele es sich um Einzelfälle, wird sich nichts ändern
Der gefährlichste Ort für Frauen in Deutschland ist ihr eigenes Zuhause. Alle vier Minuten erlebt eine Frau Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner. Fast jeden Tag wird eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet. Eine Beziehung mit einem Mann einzugehen, bedeutet für Frauen - statistisch gesehen - ein potenzielles Risiko für ihre Sicherheit. Doch solange die anderen Männer so tun, als handele es sich um Einzelfälle, wird sich nichts ändern.
Verantwortung zu übernehmen, heißt nicht nur, keine Straftat zu begehen. Es beginnt viel früher. Im Alltag. Am Arbeitsplatz. Im Freundeskreis. Beim sexistischen Spruch des Kumpels, der unwidersprochen bleibt. Und reicht bis zu dem Moment, in dem Betroffenen nicht geglaubt wird.
Wer als Mann denkt, keine Frau zu kennen, die schon einmal sexuelle Belästigung erlebt hat, hat den Frauen in seinem Umfeld noch nie richtig zugehört. Für die meisten Frauen ist Gewalt kein Ausnahmefall; schockiert über die Fälle, die bekannt werden, sind stets vor allem die Männer. Sich jetzt auf Social Media als Mann bestürzt zu zeigen, wirkt fast schon naiv.
Ob ein Mann feministisch ist, zeigt sich nicht an öffentlichen Solidaritätsbekundungen. Das schützt keine Frau und stoppt keinen Täter. Und es ersetzt nicht den Moment, in dem ein Mann Haltung zeigt, wenn es unbequem wird.
Wenn Männer ernsthaft helfen wollen, sollten sie sich eine einfache Frage stellen: Wann habe ich zuletzt eingegriffen oder widersprochen, wenn eine Frau nicht ernst genommen oder belästigt wurde? Frauen sind wütend genug. Entscheidend ist, welche Konsequenzen Männer nun ziehen.


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