Berlin - Die Krankenkassen kürzen die Vergütung für Psychotherapie. Das trifft ein ohnehin überlastetes System – und verschärft genau die Probleme, über die sich die Politik beschwert, kommentiert Jannik Westerweller.
18.03.2026 11:29 Uhr

Wer in diesen Tagen noch glaubt, das deutsche Gesundheitssystem sei so etwas wie ein fürsorglicher Sozialstaat in Aktion, der hat vermutlich noch nie versucht, einen Therapieplatz zu bekommen. Oder ist privat versichert. Psychotherapeuten sollen künftig 4,5 Prozent weniger Honorar bekommen. Viele Praxen dürften sich dann stärker auf Privatpatienten konzentrieren, nicht aus Gier, sondern aus ökonomischer Notwendigkeit. Für Kassenpatienten bedeutet das vermutlich: noch längere Wartezeiten, noch weniger Zugang zu einem System, das ohnehin am Limit arbeitet. Gesundheitspolitisch wäre das ein fatales Signal.

Dabei passt diese Entscheidung so gar nicht in die Gegenwart, in der sich Politik und Wirtschaft gleichzeitig über steigende Krankheitstage echauffieren. Zu viele Fehltage, heißt es, zu wenig Leistungsbereitschaft. Was dabei geflissentlich übersehen wird: Ein stark wachsender Teil dieser Ausfälle hat psychische Ursachen. Depressionen, Angst, Erschöpfung – keine Ausreden, sondern gefährliche Erkrankungen. Sie gehören zu den häufigsten Ursachen für Krankschreibungen, dauern im Schnitt Wochen und kosten nicht nur unsere Volkswirtschaft Milliarden Euro - sondern fordern auch Menschenleben. Und was ist die Antwort darauf? Sparen an der Psychotherapie?

Psychotherapie wird gekürzt: Reformen sind notwendig

Ausgerechnet dort, wo früh eingegriffen werden könnte, wo Chronifizierung verhindert wird, wo Menschen stabilisiert werden, soll reduziert werden. Das ist wirtschaftlich unsinnig. Denn wer monatelang auf einen Therapieplatz wartet, wird in dieser Zeit selten gesünder. Erkrankungen verschärfen sich, aus Krisen werden chronische Leiden, aus Wochen werden Monate der Arbeitsunfähigkeit. Am Ende stehen höhere Kosten – für Kassen, Unternehmen und die Betroffenen sowieso. Wer hier spart, zahlt später drauf. Paradox, kurzsichtig und fast schon zynisch.

Ja, das System braucht Reformen. Aber die Antwort darauf kann doch nicht sein, es weiter auszuhungern. Stattdessen müsste die Frage lauten: Wie baut man Versorgung aus, statt sie zu kürzen? Wie schafft man niedrigschwellige Angebote, bevor Menschen überhaupt in langen und für den Beitragszahler teuren Therapien landen? Wie nutzt man vorhandene Ressourcen besser? Ein naheliegender Ansatz liegt seit Jahren auf dem Tisch und wird doch stiefmütterlich behandelt: Gruppentherapien. Sie sind effizient, wirksam und könnten deutlich mehr Menschen gleichzeitig erreichen. Richtig organisiert, verkürzen sie Wartezeiten und entlasten Therapeuten – für viele Krankheiten sind sie ebenso wirksam wie Einzeltherapie, teils sogar noch effektiver.

Das letzte Wort hat das Bundesgesundheitsministerium. Geht diese Entscheidung so durch, ist die Botschaft klar: Wer sich um die seelischen Trümmer kümmert, bekommt weniger Geld. Wer sie ignoriert, spart kurzfristig. Willkommen in der Logik der Kassen.