
Natürlich muss sich nicht jeder Mensch in Philosophie und Soziologie auskennen. Deswegen muss auch nicht jeder mit dem Namen des gerade gestorbenen Denkers Jürgen Habermas etwas anfangen können. Aber selbst diejenigen, die sich fernab seiner teils komplizierten Werke wähnen und nie eine Zeile von ihm gelesen haben, wurden durch ihn beeinflusst. Wie zivilisierte Menschen miteinander reden, diskutieren und streiten, das hat viel mit dem berühmten Vertreter der sogenannten Frankfurter Schule zu tun.
Habermas legte die Grundlagen dafür, wie Bürgerinnen und Bürger in einer modernen Demokratie miteinander umgehen sollen. Konflikte müssen durch Argumente entschieden werden, durch immer neue Anläufe des Kommunizierens. Nicht Status, Herkunft oder Lautstärke sollen bestimmen, wer Recht hat, sondern die bessere Begründung. Sein Ideal war eine Diskussion, von der niemand strukturell ausgeschlossen ist. Streit ist nichts Schlechtes, so Habermas, solange er in zivilisierter Form in der öffentlichen Sphäre ausgetragen wird.
Die Theorien von Habermas sickerten langsam ins politische und ins alltägliche Leben durch
Schon nach diesen wenigen Worten dürfte klar sein: Vieles von dem, was wir gerade jetzt immer mehr vermissen und was die deutsche Nachkriegsgeschichte positiv geprägt hat, verdanken wir den Theorien von Habermas, die langsam von der Universität ins politische und ins alltägliche Leben durchsickerten.
Der gebürtige Düsseldorfer wurde fast 97 Jahre alt und er musste noch miterleben, wie unsere Debattenkultur vor die Hunde geht. Es gibt sogar Veröffentlichungen von ihm dazu. Mit großer Skepsis blickte er auf eine Öffentlichkeit, die sich im digitalen Zeitalter immer mehr auseinander dividieren lässt - in Gruppen, die einander nicht mehr zuhören, ja, die sich für Feinde halten. Die Dominanz sozialer Netzwerke und die Empörungskultur hielt er für demokratieschädlich.
Immer wieder hielt Habermas der Politik in ganz konkreten Fragen den Spiegel vor. Er befürwortete sowohl die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie als auch die Unterstützung der Ukraine in ihrer Verteidigung gegenüber dem russischen Angriffskrieg, aber er kritisierte auch manches daran. In Sachen Ukraine etwa warnte er vor einer Rhetorik, die ausschließlich auf einen militärischen Sieg setze.
Der Philosoph bewies mit seinen Äußerungen und seiner Lebenspraxis, dass man etwas tun kann, was heute einem guten Drittel der Gesellschaft fast schon unmöglich erscheint: das Diskutieren ohne Hass, das Akzeptieren von Mehrheitsentscheidungen, staatstragend und trotzdem jederzeit kritisch sein.
Jürgen Habermas wird für immer ein Teil des guten Nachkriegsdeutschlands bleiben
Wenn es nicht so blöd klänge, müsste Habermas als eines unserer wichtigsten geistigen Exportgüter bezeichnet werden. Kaum eine Bibliothek in der freien Welt, in der nicht Übersetzungen seiner Werke stehen. Kaum eine Uni, an der nicht seine Theorien erörtert werden. Er war und wird für immer Teil des guten Nachkriegsdeutschlands bleiben, das aus den Schrecken des Nationalsozialismus seine Lehren gezogen hat.


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