München - Es ist wie immer: Am Tag nach einer Wahl gibt es nur Sieger. Doch die selbsternannten Gewinner sollten die Ergebnisse ehrlich analysieren und die richtigen Konsequenzen ziehen. Denn des Land verändert sich drastisch, kommentiert Roland Englisch.
09.03.2026 13:28 Uhr

Es ist ein Rätsel, warum Spitzenpolitiker nicht dazu lernen, wenn es ums Krisenmanagement geht. Eigentlich sollten sie oft genug bei anderen gesehen haben, wie es nicht sein sollte. Und trotzdem wiederholen sie mit schlafwandlerischer Sicherheit die Fehler der anderen.

Münchens SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter zum Beispiel. Statt dass er die Karten auf den Tisch legt - die Wahrheit kommt ohnehin heraus -, leugnet er, schwächt ab, beruft sich auf Wissenslücken, zieht ins Lächerliche und entschuldigt sich spät nur halbherzig. Es ist das klassische Schema. Das könnte ihn jetzt den Job kosten, denn die Münchner schicken ihn mit einem denkbar schlechten Ergebnis in die Stichwahl.

Am Ende hilft ausgerechnet Söder dem Münchner OB

Reiters Glück ist womöglich Söders Trauma. Der CSU-Chef polemisiert seit Jahren mit brutalstmöglicher Härte gegen die Grünen, verteufelt ihre Politik und macht sie zum Sündenbock für alles, was schieflaufen könnte. Gut möglich, dass jenes Fünftel der Münchner Wähler, das den CSU-Kandidaten getragen hat, dann doch für Reiter votiert und nicht für den Grünen, der Linie ihres Parteichefs folgend.

Markus Söder freilich hat andere Sorgen. Er muss sich mit einem Koalitionspartner herumschlagen, der die Kommunalwahlen als Triumph fehlinterpretiert und in Person von Hubert Aiwanger glaubt, er könne im Bündnis jetzt den Ton angeben. Dabei haben sich die Freien Wähler im Kern nur behauptet bei der Wahl.

Vor allem aber zeigt sich bei ihnen, dass Aiwangers Kurs das Land für die Partei spaltet. Der Niederbayer fokussiert sich auf den ländlichen Raum, das städtische Milieu ist ihm verhasst. Entsprechend verlieren die Freien Wähler dort beständig an Boden. Doch das ist ein Luxus, den sie sich nicht leisten können in einem Freistaat, dessen Bevölkerung sich paritätisch aufteilt auf Stadt und Land.

Die CSU wird es freuen, dass die Freien Wähler sich ohne Not selbst schwächen. Vorerst aber bleiben sie im kommunalpolitischen Raum ihre schärfsten Konkurrenten. Denn die SPD marginalisiert sich weiter und die Grünen sind für die Stadt das, was die Freien Wähler fürs Land sind.

Die AfD etabliert sich - und CSU und Freie Wähler haben kein Rezept dagegen

Anders die AfD. Auch wenn ihre Führung die Realität aus dem Blick verloren und geglaubt hatte, sie könne Spitzenämter erobern, zeigt sich, dass die Extremisten ihre Basis stabilisieren. Das ist umso befremdlicher, als weder Verwandtenaffäre noch rechtsextreme Umtriebe ihre Wählerschaft beeindrucken. Diese Form der politischen Schmerzfreiheit ist neu.

Das wird vor allem für Freie Wähler und CSU ein Problem. Weder verfängt Aiwangers Rechtspopulismus, der die AfD inhaltlich und sprachlich kopiert. Noch findet Söder ein Rezept, wie er die Enttäuschten von der AfD zur CSU holt. Denkbar, dass ihm das niemals gelingen wird. Dann aber sollte er sich auf jene konzentrieren, die in der bürgerlichen Mitte noch ihre Heimat sehen. Denn diese Mitte verwaist zusehends. Am Ende könnte die CSU beide verlieren - die Mitte und den rechten Rand.