
Braucht es im Jahr 2026 wirklich noch einen Weltfrauentag? Ja. So gerne ich schreiben würde, dass Gleichberechtigung erreicht ist, so sehr zeigt der Alltag das Gegenteil. Vor allem in Zeiten, in denen durch einen zunehmenden Rechtsruck und Antifeminismus vieles hinterfragt wird, was selbstverständlich schien.
Wir erleben einen spürbaren Trend zurück zu alten Rollenklischees. Wo „Tradwifes“ bei Instagram ihr Leben als Mutter und Hausfrau zelebrieren und Alphamänner glauben, ungestraft sexualisierende Sprüche über junge Frauen machen zu dürfen - wie kürzlich erlebt bei einem Mann, der im Nachbarbundesland Ministerpräsident werden will.
Wenn Care-Arbeit vor allem an Frauen hängen bleibt
Noch immer verdienen Frauen für gleichwertige Arbeit weniger als Männer. Wer weniger verdient, zahlt weniger in die Rente ein. Altersarmut bleibt deshalb vor allem weiblich.
Frauen kümmern sich überdurchschnittlich oft um Kinder, pflegen Angehörige, organisieren den Familienalltag. Selbst in modernen Partnerschaften liegt der „Mental Load“ meist bei uns Frauen. Spätestens mit der Geburt eines Kindes zeigt sich, wie brüchig Gleichberechtigung sein kann: Karriereknick, Teilzeitfalle, Doppelbelastung – all das ist Realität.
Warum Gleichberechtigung weiter erkämpft wird
Dabei starten junge Frauen heute so gut ausgebildet und ambitioniert ins Berufsleben wie nie zuvor. Doch mit Familie verschieben sich die Prioritäten und oft auch das Ansehen von Frauen als Arbeitnehmerinnen. Dabei leistet eine Mutter, die in Teilzeit arbeitet, meist mehr als viele andere. Denn sie will es sich beweisen und will kämpfen gegen die Sprüche, die Frauen sich bis heute anhören müssen, wenn sie Mutter werden - von denen ich gehofft hatte, sie lägen längst in der Mottenkiste.
Klar, auch Männer, die Sorgearbeit partnerschaftlich übernehmen wollen, stoßen an Grenzen und erleben Diskriminierung – gesellschaftlich wie beruflich. Aber nicht in dem Ausmaß wie wir Frauen.
Auch Gewalt gegen Frauen, Femizide und fehlende politische Repräsentation sind bittere Realitäten. Der 8. März ist deshalb kein netter Blumengruß, sondern ein feministischer Kampftag. Einer, an dem Missstände klar benannt werden müssen – so wie es die Generation unserer Mütter getan hat. Unsere Verantwortung ist es, diese erkämpften Rechte zu verteidigen und weiter auszubauen.
Weltfrauentag: Weshalb der 8. März politisch bleibt
Wer sagt, der Weltfrauentag sei überflüssig, hatte vielleicht das Glück, Diskriminierung nie erleben zu müssen. Aber Solidarität bedeutet, über die eigene Lebensrealität hinauszublicken.
Gleichberechtigung entsteht dort, wo Menschen gemeinsam Verantwortung tragen – im Rathaus, im Betrieb, in Redaktionen. Auch bei uns im Verlag zeigt sich das: Frauen – mit und ohne Kinder – gestalten in leitenden Funktionen mit, selbstverständlich und inspirierend. Das lässt mich hoffen, dass unsere Töchter und Enkel später fragen, warum damals ein Weltfrauentag notwendig war.
Gleichberechtigung ist kein Geschenk. Sie ist eine Entscheidung. Jeden Tag, nicht nur am Weltfrauentag.


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