München - Jeden Tag sterben im Schnitt fast acht Menschen auf Deutschlands Straßen, werden mehr als tausend teils schwerst verletzt. Zahlen wie aus einem Kriegsgebiet. Doch Gesellschaft und Politik blicken lieber weg, kommentiert Roland Englisch.
25.02.2026 15:02 Uhr

Wer die Unfallstatistik richtig verstehen will, muss sich eines vor Augen führen: Noch nie waren Autos technisch so gut ausgerüstet wie heute; noch nie hat die Elektronik so massiv die Fehler der Fahrzeuglenker korrigiert. Die Zahl der Unfälle müsste folglich sinken, die der Verletzten ebenso. Und die der Toten erst recht.

Das Gegenteil ist der Fall. Jede Woche sterben knapp zehn Menschen auf Bayerns Straßen bei einem Unfall, werden 1.200 teils schwerst verletzt. Die Gründe für die Unfälle sind immer gleich: zu hohes Tempo, Unaufmerksamkeit, Alkohol. Und es zeigt sich, dass wieder mehr Menschen auf den Autobahnen sterben, aber noch mehr in den Städten. Das ist besonders bedenklich, denn hier trifft es überproportional die Schwächsten unter den Verkehrsteilnehmern, die Fußgänger und die Radler.

Viel mehr als Absichtserklärungen kommt bislang nicht

All die Toten und Verletzten bräuchte es nicht. Das weiß auch die Politik. Seit Jahren verspricht sie im Bund wie in Bayern, sie wolle die Zahlen nach unten drücken, bis 2040 sollen auf deutschen und bayerischen Straßen 40 Prozent weniger Menschen sterben.

Dafür braucht es mehr als ein paar Absichtserklärungen. Dass ein generelles Tempolimit auf Autobahnen die Unfallzahlen und die der Getöteten überproportional senken könnte, belegen zahlreiche wissenschaftliche Studien. Die Datenlage ist schlicht erdrückend. Selbst der ADAC kämpft nicht mehr vehement gegen ein Tempolimit.

Gleiches gilt für höhere Strafen für Raser. Ausgerechnet das reiche Deutschland verhängt im europäischen Vergleich auffallend niedrige Bußgelder, egal, ob es um Tempo geht, Rotlicht oder Handy am Steuer. Das alles summiert sich zu einer gefährlichen Mischung, weil sie in den Köpfen vieler das falsche Signal setzt.

Um das Problem zu erkennen, braucht es nicht einmal Empirik, ein Blick auf die Autobahnen reicht. Dort herrscht mittlerweile eine Zwei-Klassen-Gesellschaft aus denen, die um die 130 pendeln, und jenen, die mit schweren Limousinen oder Sportwagen weit schneller rasen - und nicht nur sich gefährden, weil viele sie gar nicht kommen sehen, nicht mit ihnen rechnen.

Ausgerechnet die Schwächsten lässt die Politik alleine

Trotzdem verweigert sich die Politik und setzt auf den Uralt-Slogan freie Fahrt für freie Bürger. Dabei wäre ein Tempolimit die billigste aller Varianten, weil es kostspielige Systeme wie aktuell auf der Münchner Autobahn überflüssig machte. Geld, das sich umleiten ließe etwa in den Ausbau von Rad- oder Fußwegen.

Denn in den Städten verändert sich etwas. Immer mehr Menschen sind zu Fuß unterwegs oder radeln, auch, weil E-Bikes dies heute selbst jenen ermöglichen, die noch vor wenigen Jahren außen vor gewesen wären. Doch die Städte und Gemeinden sind darauf so wenig vorbereitet wie etwa das Netz der Land- und Kreisstraßen.

So lassen die Verantwortlichen wider besseres Wissen die Schwächsten ungeschützt. Das Umdenken setzt, wenn überhaupt, in der Politik nur allmählich ein. Darum leiden weiter viel zu viele Familien unter den Folgen.