Erlangen - Tim Goldmann ist Doktorand am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin und untersucht eigentlich die Fötensammlung der Erlanger Anatomie. Unter den Präparaten macht er überraschende Funde. Nun möchte er den Schicksalen Raum geben.
19.02.2026 10:45 Uhr

Am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) wurden Präparate mit sterblichen Überresten von NS-Hinrichtungsopfern entdeckt. Der Doktorand Tim Goldmann fand die Präparate im Rahmen seiner Forschungsarbeit in der Sammlung der Erlanger Anatomie, wie aus einer Pressemitteilung der Universität hervorgeht.

Inventarisierung bringt Präparate aus NS-Zeit zu Tage

Die Entdeckung der Präparate war ein Zufallsfund, erzählt Tim Goldmann: „Ich habe für meine Doktorarbeit recherchiert und bin auf Präparate gestoßen, deren Beschriftungen eindeutig auf die NS-Zeit hinweisen. Eigentlich rekonstruiere ich die historischen Kontexte der Fötensammlung der Erlanger Anatomie.“

Besonders Präparate, die aus der JVA München-Stadelheim stammen, seien Goldmann aufgefallen: „Nachweislich gibt es hier ab Mitte der 1930er-Jahre einen massiven Anstieg der Hinrichtungszahlen, insgesamt waren es bis 1945 rund tausend Menschen.“

Präparate sind schon immer wesentlicher Teil der Anatomie. Bis in die 1960er-Jahre stammen die Körper von Menschen, die beispielsweise in Armenhäusern oder Gefängnissen gestorben sind. Goldmann: „Fast all diese Personen haben gemeinsam, dass sie – im Gegensatz zu heute – zu Lebzeiten nicht eingewilligt haben, ob sie ihre Körper nach dem Tod für Lehre und Forschung zur Verfügung stellen. Wichtig hierbei: Schon vor der NS-Zeit wurden Gewebeproben verstorbener Menschen ohne deren Einwilligung für anatomische Zwecke verwendet. Dieser Umstand ist heute moralisch mehr als fragwürdig.“

Provenienzforschung an der FAU - Menschen mit eigener Geschichte

Schon während seines Medizinstudiums arbeitete Goldmann als studentische Hilfskraft bei Prof. Dr. Fritz Dross am Institut. Mit der Präparatorin Lisa Stachel und Prof. Michael Scholz, dem Sammlungsleiter in der Anatomie, begann er 2020 die Präparate systematisch zu erfassen.

Einzelne davon lassen sich mit konkreten Biografien verbinden, wie der von Charlotte Schulz. Mit 20 Jahren wurde sie 1940 wegen mehrfachen Diebstahls hingerichtet. Besonders brisant: In Abschiedsbriefen an ihre Mutter beschreibt sie Unterleibschmerzen und das Ausbleiben ihrer Periode. „Möglicherweise war sie schwanger. Ob das tatsächlich so war, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Ein Arztbesuch wurde ihr verwehrt.“

Menschlichen Überresten ihre Würde geben

Tim Goldmann möchte noch weitere Präparate konkreten Personen zuordnen: „Ich möchte dazu beitragen, blinde Flecken der Sammlung zu schließen und dafür zu sensibilisieren, dass die Präparate sterbliche Überreste von Menschen sind.“ Unterstützt wird Goldmann durch den Direktor des Anatomischen Instituts, Prof. Dr. Friedrich Paulsen. Während der gesamten Zeit, in der Goldmann, Stache, Scholz und Dross die Anatomie-Sammlung inventarisierten und deren Provenienz beforschten, standen sie in Austausch mit dem Universitätsarchivar Clemens Wachter. Seit mehr als 25 Jahren beschäftigt er sich mit der Historie der FAU: „Die FAU versteht die Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit, auch in den Sammlungen, als dauerhafte Aufgabe. Provenienzforschung heißt für uns, Präparate als Zeugnisse menschlicher Schicksale zu betrachten. Im Universitätsarchiv finden sich darüber hinaus amtliche Unterlagen und persönliche Quellen, die zeigen, wie Verfolgung im Hochschulalltag wirkte. Durch Zusammenarbeit mit Forschenden und die Digitalisierung machen wir diese Überlieferung zugänglich. So wollen wir an der FAU historische Zusammenhänge transparent machen.“