München - Einmal im Jahr dreschen Deutschlands Politiker aufeinander ein, als gäbe es kein Morgen. Der politische Aschermittwoch in Niederbayern hat seine eigenen Regeln. Doch etwas mehr Bescheidenheit täte allen gut, kommentiert Roland Englisch.
18.02.2026 15:06 Uhr

Kurz zur Erinnerung: Der Aschermittwoch ist ein stiller Feiertag, an dem Tanzen in Lokalen und Discos ebenso verboten ist wie zu laute, zu wilde Musik. Schließlich ist es der Tag, an dem die Fastenzeit beginnt und mit ihr für Christen die Zeit der Buße und der Demut.

Von Buße oder gar Demut ist beim politischen Aschermittwoch wenig zu spüren, auch bei jenen nicht, die das C im Namen führen oder sich den christlichen Werten verpflichtet fühlen. Passt auch nicht wirklich ins Konzept der Veranstaltung, die davon lebt, dass Politiker aller Couleur einmal im Jahr übereinander herziehen, als müssten sie nicht am nächsten Tag wieder nach gemeinsamen Linien und Kompromissen suchen.

Für Aiwanger gibt es nur böse Bürgergeldempfänger, für Söder nur böse Grüne

Hubert Aiwanger zum Beispiel. Der Chef der Freien Wähler polemisiert höchst unchristlich gegen Bürgergeldempfänger, die er als arbeitsfaule Drückeberger abqualifiziert und ihnen die Schuld gibt an der Wirtschaftsflaute in Deutschland. Oder Markus Söder, der Bayern zum erfolgreichsten Land weltweit erhebt, seine eigenen Verdienste daran würdigt und gegen „sozialistische Klugscheißer“ und „Moralklugscheißer“ wettert, weil er sich - wieder einmal - vor allem an den Grünen abarbeitet, obwohl die gar nicht regieren.

Oder die Grünen, die wiederum Söder unterstellen, er werde eines Tages die Kruzifixe in den Amtsstuben gegen Auspuffrohre austauschen. Auch die AfD macht, was sie immer macht und redet das Land in den Untergang, wirtschaftlich, politisch, sozial. Keiner schenkt dem anderen etwas, niemand lässt am Gegner ein gutes Haar.

So weit, so bekannt. Es gehört zum Ritual eines überholten Rituals, das aus der Zeit gefallen ist, weil die Politik, die politische Klasse ohnehin massiv unter Druck steht. Die verbalen Attacken untereinander an diesem Tag verblassen vor dem, was täglich auf die Politikschaffenden an Beleidigungen, Drohungen, an mentalem Dreck und Müll einprasselt, über die asozialen Medien, per Mail, selten auch ehrlich frontal.

Klar, die Nachrichtenlage ist dünn am Aschermittwoch, der Termin deshalb ein willkommener Lückenfüller für die Politik wie die Medien - und für manche bundesweit eher unbekannte Landespolitiker ein kurzer Moment der Aufmerksamkeit. Schon deshalb wird diese Veranstaltung überdauern. Und das, obwohl die Mehrheit des Wahlvolks den politischen Zoff nicht goutiert, sondern Lösungen sehen will.

Die Menschen wollen keinen Streit, sie wollen Lösungen

Auch das ist widersprüchlich. Denn Lösungen müssen erarbeitet, Positionen ausdiskutiert und Kompromisslinien ausgelotet werden. Es ist ein Fehler, wenn dieses Ringen sofort als Streit qualifiziert wird. Denn der Begriff setzt den negativen Ton, der nur selten wiedergibt, worum es tatsächlich geht.

Am politischen Aschermittwoch freilich interessiert all das wenig. Dabei sollten Politiker zwar nicht demütig ihren Wählern begegnen, aber doch mit einer angemessenen Portion Bescheidenheit. Zu der gehört auch der Respekt den Andersdenkenden gegenüber. Gerade am Aschermittwoch.