München - In einem Jahr wählt die Bundesversammlung die Nachfolgerin des Bundespräsidenten. Ilse Aigner (CSU) gehört zu den Kandidatinnen. Doch ihr fehlt der wichtigste Unterstützer. Denn CSU-Chef Söder hat seine eigene Agenda, kommentiert Roland Englisch.
22.02.2026 08:55 Uhr

Seit 1949 hat Deutschland einen Bundespräsidenten, seit 1949 ist er männlich. Gut also, wenn CDU und CSU in einem Jahr endlich und ernsthaft eine Frau ins Rennen schicken; der Schritt ist mehr als überfällig.

Die Chancen sind gut. Sechs der zwölf Bundespräsidenten stellte die CDU, drei die SPD. Selbst die FDP kommt auf zwei. Die CSU dagegen ist bislang, wie die Grünen, leer ausgegangen. Und das, obwohl sie mit der CDU eine Gemeinschaft bildet und durchaus Anspruch auf das höchste Amt im Staat erheben könnte.

Aigner drängt nicht nach vorne, und das gilt als Makel

Immerhin steht diesmal mit Ilse Aigner eine CSU-Politikerin auf der Liste der potenziellen Kandidatinnen. Ihr Name wird seit Monaten gehandelt. Allein, sie selbst hat sich nie klar zu ihren Ambitionen geäußert, sondern sich bis heute bedeckt gehalten. Das ist typisch für Aigner. Sie ist keine, die sich nach vorne drängt oder den Machtkampf sucht. Im Gegenteil.

In der CSU legen ihr das viele als Makel aus. Sie gilt ihnen als zu wenig ehrgeizig, mit zu wenig Zug nach oben. Als Ministerin blieb sie reaktiv, gestaltete nur selten und nutzte die Spielräume nicht, die ihr die Posten zur Profilierung geboten hätten. Jetzt, als Landtagspräsidentin, hat sie an Format zugelegt. Doch ob das reicht für den Job im Schloss Bellevue, bezweifeln manche in ihrer Partei.

Die Union müsste sich zwischen zwei höchst unterschiedlichen Kandidatinnen entscheiden, denn Karin Prien ist der Gegenentwurf zu Ilse Aigner: profilierter, kantiger, in der gesamten Union geschätzt und respektiert. Ihre Ernennung wäre symbolisch deutlich aufgeladener als Jüdin, deren Eltern vor den Nazis und dem Holocaust fliehen mussten. Es wäre ein starkes Signal gegen den erstarkenden Rechtsextremismus in Deutschland.

Das kann durchaus den Ausschlag geben, denn die Union verfügt auch mit der SPD nicht mehr über die Mehrheit in der Bundesversammlung. Sie wird die Grünen und womöglich sogar die Linken brauchen, will sie ihre Kandidatin durchsetzen. Prien könnte den entscheidenden Vorteil bringen, das einende Element sein.

Letztlich allerdings hängt Aigners Zukunft weniger von solchen Überlegungen ab und eher davon, wo CSU-Chef Markus Söder seine Zukunft sieht. Er müsste für seine Partei offiziell Anspruch auf das Amt der Bundespräsidentin erheben, soll Aigner eine Chance haben. Das hat er nicht getan, und es spricht wenig dafür, dass er es noch tun wird.

Der Nürnberger will im Rennen um das Kanzleramt und um die Nachfolge von Friedrich Merz bleiben. Trotz zwei vergeblichen Anläufen hat er das Ziel nicht aufgegeben, selbst wenn die Erfolgschancen minimal sind. Aigner als Bundespräsidentin aber wäre das sichere Aus für seine Träume. Denn dass die CDU der CSU zwei der höchsten Staatsämter gleichzeitig überließe, ist ausgeschlossen.

Nur wenn Aigner offensiv ihre Kandidatur vorantriebe, könnte sie Söder zumindest in Erklärungsnot bringen. Doch das erwartet wohl nicht einmal sie selbst von sich.