
Heute kann man sich kaum noch vorstellen, neben einem geräusch- und geruchsintensiven Industrie- oder Handwerksbetrieb zu wohnen. Vor rund 100 Jahren aber war das in Nürnberg noch gang und gäbe. Wohnen und Arbeiten lagen eng aneinander, besonders in den Vierteln mit einem hohen Anteil an Bewohnern des damaligen Mittelstandes, etwa im Rennweg, in Gostenhof oder Himpfelshof.
Von den beiden Gebäuden auf unserem Bildvergleich war das linke, die Bärenschanzstraße 17, als erstes da: Erbaut und vielleicht auch geplant hat es 1890/91 der Maurermeister und Bauunternehmer Adam Keller, ein gebürtiger Adelsdorfer. Von den angrenzenden Mietshäusern hebt es sich durch seine besonders vornehme Gestaltung in Formen der Neorenaissance ab. Über dem hohen Kellersockel folgt das mit Rustika-Mauerwerk aus rosafarbenem Sandstein veredelte Hochparterre, darüber – durch Gesimse und eine Gebälkzone horizontal geteilt – die Obergeschosse mit reichen Fenstereinfassungen nebst Diamantquaderung und üppigem Rankenwerk in den Schürzen.
Die Mittelachse betont ein extrem flacher, aber optisch auffälliger Erker mit noch reicherem Schmuck mit Diamantquadern und Balustraden. Den Fensterachsen der Fassade entsprechen im Bereich des Mansarddaches das große, von einer Glockenhaube bekrönte Zwerchhaus und die begleitenden Gauben, die heute leider mit Kupferblech eingehaust sind. Die nach dem Zweiten Weltkrieg verputzten Fassadenteile zeigten dereinst Sichtklinker mit tiefen Fugen, die das Bild zusätzlich belebten.
Zwischen 1893 und 1895 ließ der approbierte Hufbeschlagschmiedemeister Johann Lauerbach dem Haus im Westen sein Eigenheim beistellen. Der nur zweigeschossige Bau auf U-förmigem Grundriss enthielt im Erdgeschoss die Schmiede mit vorgelagertem Hof zum Beschlagen der Pferde und dekorativem Mauerzaun, darüber die Wohnung des Handwerkers und seiner Familie. Auch hier bemühte der unbekannte Planer die Formen der Neorenaissance, verzierte den Bau mit profilierten Gesimsen und Lisenen sowie einer Balustrade, die das flache abgewalmte Pult- beziehungsweise Satteldach gegen Straße und Hofraum einfasste.
Die freiwerdenden Flächen der Handwerksgeschäfte wurden begehrtes Bauland
Lauerbachs Schmiede zeigt, wie sich die Durchmischung von Wohnen und Arbeit nach dem Krieg mehr und mehr zu Gunsten einer nach Nutzung zonierten Stadt auflöste. Die freiwerdenden Areale der Handwerksgeschäfte und Fabriken wurden begehrtes Bauland. Ab 1924 als Fahrradhandlung mit Werkstatt und Möbellackiererei weitergenutzt, musste das Handwerkeranwesen Neuem weichen. An seiner Stelle steht heute ein Wohnhaus der 1980er/90er Jahre, das die Proportionen, Axialität und andere Elemente wie Gauben und Erker der Nachbarhäuser des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts in moderne Formen überträgt. Und das hat was, wenngleich der Eingang und das danebengequetschte Einfahrtstor der Tiefgarage zeigen, dass man vor 30, 40 Jahren wesentlich weniger großzügig plante als um 1900.
Stellt sich noch die Frage, wie wir zu der historischen Aufnahme kommen: Ab etwa 1900, als Fotografien erschwinglicher wurden, waren Bestellbilder des eigenen Hauses nebst Bewohnerschaft der Renner. Teils warben Inserate und Marktschreier für die Dienstleistungen der modernen Bildkünstler. Die Hausgemeinschaft legte zusammen und bestellte den Fotografen. Spezialisierte Verlage, hier August Unland in Magdeburg (!), stellten die Repros in gewünschter Auflage her. Die Kunden verschickten die Karten an Freunde und Verwandte und behielten einige fürs Familienalbum. Auf diese Weise sind uns viele alte Häuser und ihre damaligen Bewohnerinnen und Bewohner im Bild erhalten geblieben, die sonst wohl niemand je fotografiert hätte.
Dass auf diesen Fotokarten fast nie Ort und Straße des abgebildeten Hauses vermerkt sind, macht das Sammeln dieser Bilddokumente zu einem spannenden, manchmal aber auch fordernden Hobby. Da loben wir uns Herrn Lauerbach, denn ohne seine Schmiede und sein gut lesbares Ladenschild hätten wir deutlich länger nach den beiden Häusern gesucht.
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1 Kommentar
Sebastian_Gulden
Unserem Redakteur Sebastian ist beim Namen des Schmiedes, der im Artikel erwähnt wird, ein Fehler unterlaufen: Er heißt mit Nachnamen "Lauerbach", nicht "Lauterbach". Danke an Arthur Mehrlich für den Hinweis!
08.02.2026 11:20 Uhr