
Der kurzlebige Jugendstil hat in Nürnberg einige Schöpfungen hinterlassen, doch nur wenige sind künstlerisch so bedeutsam wie die ehemalige „Kreis-Taubstummenanstalt“ an der Pestalozzistraße in Seeleinsbühl. Seit 2008 trägt sie den Namen des Nürnberger Malers Paul Ritter (1829 bis 1907), der im Alter von vier Jahren durch eine Scharlacherkrankung taub wurde.
Erbaut wurde das Schulhaus 1903 bis 1904 auf bis dahin unbebautem Grund. Da die Einrichtung der Bildung und Förderung aller Gehörlosen Mittelfrankens dienen sollte, war Bauherr und Träger der Kreis (heute Bezirk) Mittelfranken. Daher kamen beim Entwurf auch nicht die üblichen Verdächtigen aus den Reihen des städtischen Bauamtes zum Zuge, sondern Kreisbaurat Georg Joseph Förster.
In den 1970er Jahren hat man den Bau zuletzt umfassend erweitert und modernisiert, wobei einige Eingriffe wie die klobige Aufstockung der Direktorenwohnung, die verblechten kubischen Gauben und die unpassend geteilten Fensterfüllungen dem Schulhaus ästhetisch keinen Gefallen taten. Im Rahmen der Maßnahmen hat man auch weite Teile des Gartens zwischen Altbau und Klärwerk überbaut; die beiden hübschen Pavillons an der nördlichen Grundstücksgrenze indes durften bleiben.
Dass das Schulhaus einem Schloss ähnelt, ist beabsichtigt
Als Baukörper gibt sich das Schulhaus einigermaßen konventionell: ein langgestreckter, dreigeschossiger Putzbau mit Sandsteinsockel, tiefen Mittel- und Seitenflügeln. Die Ähnlichkeit zu einem Schloss kommt nicht von ungefähr, galt dieser doch bei diversen öffentlichen Bauaufgaben in jener Zeit wegen seiner städtebaulichen Strahlkraft als vorbildlich. Auch die Gliederung der Fassaden mit Sandsteinelementen erscheint herkömmlich, nicht aber der räumlich klar begrenzte, virtuose Bauschmuck mit Skulpturen und Ornamentik im Geiste des Jugendstils und die malerische Dachlandschaft mit ihren geschwungenen Giebeln.
Im Sinne der Reformpädagogik bemühten sich Planer, Bildhauer und Dekorationsmaler um eine Gestaltung, die den gehörlosen Nutzerinnen und Nutzern einen lebensbejahenden, die Fantasie anregenden Rahmen und Raum zum Lernen und Leben bieten sollte. Neben dem optischen und haptischen Kontrast verschiedener Materialien sorgte dafür besonders die reiche skulpturale Ausstattung mit farbig gefasstem Ornament- und Figurenschmuck mit symbolhaften Bezügen auf Pädagogik und christliche Glaubensinhalte. Auf uns Heutige mögen die scharfkantigen, teils karikaturhaften Figuren – darunter ein fies dreinschauender Totenkopf über der Uhr am Südgiebel des Mittelflügels – etwas befremdlich, ja gruselig wirken. Doch war der Hang zum Unheimlichen, Düsteren und Grotesken ein wesentlicher Zug der Kunst jener Zeit und wurde nicht zwingend als unbehaglich oder gar hässlich wahrgenommen.
Besonders beeindruckend ist der Betsaal im ersten Obergeschoss an der Gartenseite des Mittelflügels: Hier hat sich nahezu die komplette Einrichtung, einschließlich der Bänke sowie dem fantastischen Altar mit Gemälde von Paul Ritter – es zeigt den segnenden Christus vor der Ansicht der Schule – und rahmenden Engeln erhalten.
Nun soll der inoffiziell nach seinem Planer benannte „Försterbau“ bis 2030 restauriert und für die Zukunft fit gemacht, die Veränderungen der 70er Jahre beseitigt werden. Allein, noch hat der Bezirk kein Konzept für die künftige Nutzung, den Umfang und die Tiefe der baulichen Eingriffe veröffentlicht. Es heißt also: abwarten und hoffen, dass einem der spannendsten Zeugnisse des Jugendstils in Nürnberg bald neues Leben eingehaucht wird.
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