
Dieses Murmeltier grüßt zwar nicht täglich, aber zuverlässig kurz vor Silvester ist es jedes Jahr wieder da: die Debatte um ein Verbot der Silvesterböllerei, diesmal vorgetragen von Ärztepräsident Reinhardt. Neu ist natürlich auch seine Argumentation nicht. Dass jedes Jahr Menschen mit schwersten bis tödlichen Verletzungen in die Notaufnahmen der Klinken eingeliefert werden und dadurch neben dem persönlichen Leid auch jede Menge gesellschaftliche Kosten entstehen, sollte inzwischen hinlänglich bekannt sein.
Recht hat Reinhardt trotzdem. Von der Feinstaubbelastung, dem Leid der Tiere bis hin zum massenweise herumliegenden Müll sind es inzwischen zahllose gute Argumente, die gegen ein „Weiter so“ sprechen. Hinzugekommen ist seit einigen Jahren der Beschuss von Einsatzkräften mit Raketen und Böllern. Sicher, es sind nur einige wenige, die das Feuerwerk als Waffe gegen staatliche Organe einsetzen. Aber eine Gesellschaft, die sich angestachelt durch Hass und Hetze im Internet, immer stärker polarisiert, muss sich sehr ernsthaft fragen, ob es wirklich klug ist, an drei Tagen im Jahr tonnenweise Explosivstoffe frei zu verkaufen.
Doch die Entscheidung darüber trifft nicht der Ärztepräsident. Und auch die Politik hat in Person von Verkehrsminister Schnieder bereits erkennen lassen, dass sie sich an dieser Debatte im wahrsten Wortsinn nicht die Finger verbrennen will. Die Entscheidung über das Silvesterfeuerwerk findet vielmehr an den Kassen der Supermärkte statt. Und glaubt man den Prognosen der pyrotechnischen Industrie, werden die Deutschen in diesem Jahr so viele Raketen und Böller kaufen wie nie zuvor.
Flächendeckendes Böllerverbot wäre nicht kontrollierbar
Vielleicht hat die Politik ja tatsächlich gerade Wichtigeres zu tun - von Pflegeversicherung über Rente bis hin zum Krieg in der Ukraine -, als ein einmal im Jahr auftretendes Ärgernis zu unterbinden, damit aber auch eine neue, vergiftete Verbotsdebatte anzuzetteln. Zumal ein flächendeckendes Verbot von privaten, unorganisierten Feuerwerken nicht kontrollier- und damit durchsetzbar wäre.
Die Debatte muss trotzdem geführt werden - aber bitte nicht ritualisiert und lediglich mit Blick auf die Schlagzeilen, die man damit produziert. Sinnvoller wäre es sicherlich, mehr lokale Verbotszonen auszurufen, wie dies in der Nürnberger Altstadt oder in einigen Gemeinden an der Nordseeküste schon seit einiger Zeit mit Erfolg praktiziert wird. Und was spricht gegen mehr kommunal organisierte Feuerwerke, kombiniert mit Musik und modernen Licht- und Drohnenshows, für deren Durchführung die Menschen ihr Böllerbudget zur Verfügung stellen?
Parallelen zur Gender- und Veganismusdebatte
Wer liebgewonnene Rituale verändern will, wird viel mehr solche Alternativen anbieten müssen. Ansonsten droht die Debatte um das Silvesterfeuerwerk zu einer ähnlichen Dauerschleife zu verkommen, wie wir es zum Beispiel bei den Diskussionen ums Gendern oder den Veganismus erleben - ergebnislos, aber die Gesellschaft extrem polarisierend.

2 Kommentare
Samoth
Probleme mit dem Silvesterfeuerwerk gibt es hauptsächlich in den Innenstädten. Vor allem dort gibt es Gewalt gegen Polizei und Rettungskräfte und dort bleibt der Müll auch lange liegen. Dort kann eine Böllerverbotszone und ein zentrales Hochfeuerwerk eine Lösung sein. Auf freiwillige Spenden sollte man dort aber eher nicht bauen, das wäre naiv. Entweder man bittet die Silvestergastronomen zur Kasse, man verlangt Eintritt oder man macht nichts, weil die Dinergäste kein Interesse am Feuerwerk haben. Und wer zu Hause feiern möchte, der kann weiterhin privat Raketen und Böller kaufen und verwenden. Komischerweise wird außerhalb der Innenstädte und Hochhaussiedlungen der Müll relativ schnell weggeräumt. Und zwar meist von denen, die am Vorabend gefeiert haben. So selbstverständlich funktioniert an manchen Orten ein Gemeinwesen ganz ohne Verbote und Empörung.
29.12.2025 13:19 Uhr