
Der Nürnberger Fotograf Georg Liebermann stapfte an einem Abend um 1935, bepackt mit seiner Kamera, durch den tiefen Schnee zum Ölberg. Von der Auffahrtsrampe zu den Burggärten schweifte sein Blick über die Dächer bis zum Pilatushaus und dem Tiergärtnertorturm. Sein Werk nannte er „Burgidyll“ - wohlwissend, dass Nürnbergs Stadtkrone, obschon im Bild nicht zu sehen, für jeden ortskundigen Betrachtenden selbstverständlicher Teil dieses winterlich-romantischen Ensembles ist. Dazu passt, dass die Gasse bis circa 1870 unter dem Namen „Unter der Veste“ bekannt war.
Der Ölberg, eingequetscht zwischen Kaiserburg und Oberer Schmiedgasse, ist noch heute eine Ecke, in der Alt-Nürnberg lebendig ist. Einiges, was Liebermann damals einfing, hat den Weltkriegsbomben widerstanden. Anders sieht es mit der Ölberggrotte aus, die der Gasse den Namen lieh und 1945 unterging. Auch die zierlichen Häuser Nr. 37 und 39 sowie die Gebäude nördlich des Pilatushauses am rechten Bildrand mussten in den Nachkriegsjahren durch Neubauten ersetzt werden, die die alten Strukturen – Lochfassade und traufständiges Satteldach – zitieren.
Am Ölberg in Nürnberg lebten Drechsler, Kammmacher, Spezereihändler und Dosenmaler
Das beschauliche Wohnhaus Am Ölberg 35, das das Bild links rahmt, wurde laut Inschrift im Jahre 1678 erbaut. Hinter der Putzhaut verbirgt sich über dem Erdgeschoss aus Sandstein eine Fachwerk-Rähmkonstruktion. Die seit 1798 nachweisbaren Eigentümer gingen verschiedensten Berufen nach; so waren hier ein Windenmacher, ein Spezereihändler, ein Beutelmacher, ein Dosenmaler, ein Kammmacher und ein Drechsler ansässig. Zuletzt empfing hier das jetzt leider geschlossene Restaurant „Treppe“ seine Gäste.
Zwischen dem Handwerkerhaus und dem Tiergärtnertorturm lugt eines der ältesten Dachwerke Nürnbergs hervor, das auf unserem aktuellen Vergleichsbild durch die Neubauten verdeckt ist: Der auffällige Schopfwalm mit einem „Eulenloch“ (dem Abzug der einstigen Rauchküche) am First gehört zum Doppelhausteil Obere Schmiedgasse 56. Es wurdde 1338 erbaut und gehört damit zu den ältesten erhaltenen Häusern in der Altstadt.
Das mächtige „Pilatushaus“ am Tiergärtnertor in Nürnberg hat die Stürme der Zeit gut überstanden
Das rechts im Bild aufragende mächtige „Haus zum geharnischten Mann“, erbaut 1489 für den Plattnermeister Hans Grünwald und 1597 um den prägnanten Giebelerker erweitert, hatte man zum Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht von dem Verputz des 17. Jahrhunderts befreit. Jüngst fand Karl-Heinz Enderle heraus, dass sein heute gebräuchlicher Name „Pilatushaus“, der sich auf eine verlorene Station des Nürnberger Kreuzwegs bezieht, ursprünglich ein noch vor 1540 abgerissenes Haus an der Feldseite des Tiergärtnertors bezeichnete. Derzeit laufen die Vorbereitungen für die Instandsetzung dieses bedeutenden Nürnberger Bürgerhauses, das die Stürme der Zeit recht gut überstanden hat. In der heutigen Vorweihnachtszeit dienen seine Fenster zur Platzseite als gigantischer Adventskalender.
Und schließlich ist da, als bildkompositorischer Höhepunkt, der Tiergärtnertorturm. Oder besser: dessen obere Teile. Während der Rest des Turms aus der Mitte des 13. Jahrhunderts stammt, wurden diese erst um 1561 aufgesetzt.
Mit diesem Blick auf das alte Nürnberg und dem Wissen um die fast völlige Vernichtung, die die Stadt bald nach Erscheinen unserer historischen Ansichtskarte ereilte, möchten wir schließen mit den weisen Worten des geläuterten Ebenezer Scrooge in Charles′ Dickens berühmter „Weihnachtsgeschichte“: „Ich werde Weihnachten in meinem Herzen ehren, und versuchen es das ganze Jahr zu feiern.“
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