Nürnberg - Frauen sollen selbstbewusster auftreten, heißt es oft. Wenn es eine dann tut, macht sie es auch niemandem Recht. Das lehrt der Fall der Bestseller-Autorin Caroline Wahl. Ein Kommentar von Carolin Heilig.
02.11.2025 09:00 Uhr

Von den Bestseller-Listen ist Caroline Wahl seit geraumer Zeit kaum mehr wegzudenken. Doch die Kritik an der „22 Bahnen“-Autorin nimmt kein Ende. Der aktuelle Aufreger: Die 30-Jährige hat das Hörbuch zu ihrem neuen Roman „Die Assistentin“ selbst eingesprochen. Wahl ist keine ausgebildete Sprecherin - und im Netz häuft sich der Spott. Zugegebenermaßen, schon eine kurze Hörprobe zeigt: Ihre Stimme klingt etwas hölzern, bisweilen atemlos. Diese Kritik muss sich Wahl gefallen lassen. Doch dabei bleibt es nicht, sondern es wird schnell persönlich: Viele werfen der Autorin Arroganz vor, Selbstüberschätzung, ein zu großes Geltungsbedürfnis. Dabei verhält sich Caroline Wahl genau richtig.

Wenn über die mangelnde Gleichberechtigung von Mann und Frau gesprochen wird, dann heißt es oft, Frauen würden zu wenig für sich selbst einstehen, würden nicht hart genug für ihre Ziele kämpfen und dann oftmals eben von den zielstrebigen Männern überholt. Das klingt ein bisschen nach: Ihr seid selbst schuld. Und es klingt ein bisschen nach: Seid halt nicht immer so zimperlich.

Caroline Wahl, die ist genau das: nicht zimperlich. Sie schreibt bei Instagram kurz vor Weihnachten, sie freue sich darauf, ihre Geschwister damit zu ärgern, dass sie die erfolgreichste unter ihnen sei. Sie zeigt sich in aller Öffentlichkeit enttäuscht, als sie nicht für den deutschen Buchpreis nominiert wird. Die Reaktionen: Wie kann sie nur?

Es ist kurios. Eigentlich macht Caroline Wahl genau das, was die Gesellschaft sich von einer Frau wünscht. Sie tritt selbstbewusst auf, ist stark. Sie fordert ein. Aber sie macht es damit dennoch niemandem recht.

Bestseller-Autorin Caroline Wahl: Ein bisschen mehr leben und leben lassen

Natürlich kokettiert Caroline Wahl mit dem Trubel um ihre Person. In einem Interview am Rande der Frankfurter Buchmesse sagt sie, angesprochen auf ihren neuen Roman, die Reaktionen und die Kritik an ihrer Person seien „überwältigend“ gewesen, aber auch irgendwie „geil“. Sie wolle nicht „egal“ gefunden werden.

Ja, vielleicht ist Caroline Wahl keine Sympathieträgerin. Aber warum muss sie das überhaupt sein? Kann sie nicht einfach eine gute, erfolgreiche Autorin sein und gleichzeitig menschlich nicht von allen geliebt werden? Und warum wird eigentlich nie darüber diskutiert, ob Erfolgsautoren wie Sebastian Fitzek oder Benedict Wells besonders sympathisch sind? Caroline Wahl muss nicht sympathisch sein. Das ist ihr gutes Recht. Es ist das gute Recht eines jeden.

Gleichzeitig zeigt dieser Fall, wie schnell Debatten viel zu hoch kochen. Wenn den Kritikern Wahls nun genereller Frauenhass vorgeworfen wird, dann ist das zu kurz gedacht. Kritik ist legitim - auch an einer Frau, sofern sie sachlich ist. Aber im Fall der Autorin geht es zu oft um ihre Person. Es bleibt ein Problem, dass sich Frauen öfter rechtfertigen müssen als Männer. Ein bisschen mehr leben und leben lassen würde nicht nur im Fall von Caroline Wahl guttun.