
Der Kaulbachplatz geht auf eine Überarbeitung des ursprünglichen städtebaulichen Plans für die Gegend zurück. Hatte das Stadterweiterungsamt zunächst geplant, die jetzige Kaulbachstraße als „Großreuther Weg“ diagonal zwischen Pilotystraße und Kobergerplatz durchzustechen, kürzte man 1902 das südliche Teilstück weg und schuf stattdessen jene lauschige, von Häusern umfriedete Grünfläche.
Die hiesigen Gebäude, die so natürlich gewachsen erscheinen, sind tatsächlich binnen weniger Jahre vor dem Ersten Weltkrieg aus dem Boden gestampft worden. Ein wenig sieht man das auch an den Häuserfassaden: Jede ist ein Einzelstück, und doch haben sie bestimmte Gestaltungsmerkmale – große wie kleine – gemein. Das liegt daran, dass nur eine Handvoll Bauherrn und Planer für ihren Bau verantwortlich zeichneten.
Beim Nürnberger Kaulbachplatz gab es viele Architekten, aber alle hielten sich an eine Art der Gestaltung
Unser Leser, der Architekt Andreas Patla, hat sich ein wenig in die Geschichte jenes Hauses eingegraben, in dem er seit 1981 mit Ehefrau und drei Kindern lebt. Der Kaulbachplatz 7 ist ein Werk des Architekten Josef Heinrich (Jahrgang 1879), der seit 1909 ein Baugeschäft mit Sitz in der Schweppermannstraße 55 unterhielt. Bauwerber war der Glasermeister Hans Gebhardt, der das Gebäude nie selbst bewohnte, sondern als Investment nutzte. 1914 war es bezugsfertig.
Mit seinen Nachbarn teilt der schmale, fünfgeschossige Bau mit ausgebautem Satteldach seine hohe Erdgeschosszone aus rustizierten Sandsteinquadern. Die Geschosse darüber sind mit Strukturputz versehen, ausgenommen die beiden korbbogig geschlossenen Blendbögen, die die seitlichen Fensterachsen im zweiten und dritten Stock zusammenfassen. Ein polygonaler Erker in der Beletage und ein darüber aufragender, flacher Kastenerker mit offener Loggia im dritten Obergeschoss sowie charmante Details wie die jugendstiligen Stuckreliefs, das geschweifte Dach des Hauseingangs und die hölzernen Fensterläden runden das reizvolle Bild ab.
Witzig ist, dass die benachbarten Bauten, obwohl ebenfalls im barockisierenden Reformstil gehalten und der Nr. 7 sehr ähnlich, mitnichten alle von Architekt Heinrich stammen, sondern unter anderem von seinen Berufskollegen Ernst Kern, Louis Fiedler und Georg Schmidt. Offenbar gab es also eine Art Gestaltungsfibel für die Umbauung im Nordwesten des Platzes, an die sich alle Planer hielten.
Im dritten Stock wohnten um 1933 der Verleger Ludwig Farnbacher mit Frau Maria und ihren Kindern Hildegard (13 Jahre) und Ludwig junior. Als der Fotograf kam, posierte der Fünfjährige stolz mit seinem ersten Zweirad vor dem Haus. Das gestochen scharfe Foto war ein Stolz der Familie. Die Farnbachers teilten sich ihr Heim damals mit den Familien Wüst, Döring, Keltzer und Adelmann.
Schon damals freuten sich die Farnbachers über den Dachgarten über dem tiefen Rückflügel, der zur Erholung und zum Feiern einlud. Da der Kaulbachplatz relativ hoch liegt und das Haus Nr. 7 die näher gelegene Bebauung im Westen überragt, genießt man von hier aus bis heute einen traumhaften Fernblick bis nach Fürth und zur Alten Veste.
Das Haus Kaulbachplatz 7 hat sich, freilich mit ein paar Veränderungen und Modernisierungen, wunderbar in unsere Zeit hinein erhalten und ist noch heute ein Zeugnis dafür, wie schön das Wohnen in der großen Stadt sein kann.
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