Arosa - Von den mondänen Gipfeln Arosas bis zu den sanften Matten des Fondei: Der Schanfigger Höhenweg in der Schweiz erzählt Geschichten – von uralten Säumerpfaden, von den Walsern und von einer Natur, die hinter jeder Wegbiegung ein neues Gesicht zeigt.
15.09.2025 17:06 Uhr

Schon die Anreise ist ein Vorspiel. Durch die geöffneten Fenster weht der Duft von Harz und frisch gemähtem Gras, draußen stürzen Wasserfälle kaskadenartig in die Tiefe, während auf der anderen Talseite bizarre Felsformationen emporragen. Die Rhätische Bahn windet sich in kühnen Bögen und über Viadukte von Chur fast tausend Höhenmeter hinauf nach Arosa – dem Ausgangspunkt für eine viertägige Weitwanderung auf dem Schanfigger Höhenweg im schweizerischen Graubünden.

„Grüezi mitenand!“, ruft uns Katharina Trachsler entgegen. Gut gelaunt begrüßt die zertifizierte Wanderleiterin ihre kleine Gruppe, die sie vier Tage lang begleiten wird. Sie lebt im Dorf Peist. Einst war die Bündnerin in New York und Zürich in der Werbebranche erfolgreich, heute ist ihr Arbeitsplatz ein ganzes Tal. Hier hat sie ihre Leidenschaft für die Berge zum Beruf gemacht.

Graubuenden04
Die bündener Wanderleiterin Katharina Trachsler kennt den Weg und die Region. © Clara Grau

Sie rät Gästen aus dem Flachland zu ein, zwei Tagen Eingewöhnung im weltbekannten Skiort Arosa, der im Sommer mit ebenso vielen Freuden lockt: ein erfrischendes Bad im Bergsee, eine Seilbahnfahrt aufs Weisshorn, ein Besuch im Bärenpark oder schlicht eine Ovomaltine auf der Alm. So kann man sich auf die Höhenlage um 2000 Meter einstellen – und zugleich genussvoll akklimatisieren.

Eigentlich beschreibt der Schanfigger Höhenweg eine sechstägige Runde, die in der ältesten Schweizer Stadt Chur beginnt und endet. Doch auch die vier Etappen auf der Sonnenseite des Tals erschließen die Vielfalt der Region eindrucksvoll. Der Weg folgt alten Säumerpfaden, die seit Jahrhunderten Menschen, Waren und Tiere tragen. Er führt durch stille Wälder, über saftig-grüne Wiesenhänge, vorbei an Bergseen und geheimnisvollen Mooren – und ebenso durch karge, felsige Höhen.

Geübte Wanderer und Familien mit größeren Kindern kommen auf dem Schanfigger Höhenweg auf ihre Kosten

Rund 50 Kilometer umfasst die Strecke, in vier Etappen gegliedert. „Für geübte Wanderer mit etwas alpiner Erfahrung, aber auch für Familien mit größeren Kindern ist das gut machbar“, weiß Katharina Trachsler. Gelaufen wird meist oberhalb der Baumgrenze, stets bestens ausgeschildert, ohne ausgesetzte Passagen oder Kletterei. Wer mehr will, kann Gipfelvarianten wählen oder anspruchsvollere Wegvarianten.

Vor dem Start prüft die Wanderleiterin die Ausrüstung ihrer Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Regenjacke, Fleece, Mütze, Handschuhe gehören in den Rucksack – im Gebirge kann das Wetter jederzeit kippen. Auch Sonnencreme und Käppi sind Pflicht.

Die erste Etappe beginnt sanft, durch Wälder und über Almen nach Medergen, ein Walserdorf, das wie aus der Zeit gefallen scheint: Balken mit geschnitzten Inschriften, Jahreszahlen aus dem 18. Jahrhundert, Geranien auf den Fensterbrettern. Eine Katze schläft im Schatten, ein Kalb lässt sich von Wanderern streicheln. Im Gasthaus Alpenrose lockt hausgemachte Nusstorte, doch Katharina mahnt bald zum Aufbruch.

Sie führt die Gruppe über einen Umweg: Über das aussichtsreiche und fast 2500 Meter hohe Chörbschhorn und die steile Felsentreppe „Tritt“ gelangt die Gruppe nach Sapün, eine typische Walser-Streusiedlung.

Traditionsreiches Gasthaus zwischen Arosa und Davos zieht Prominente an

Dort wartet das „Heimeli“, ein uriges Gasthaus mit 300 Jahren Geschichte – einst Raststation zwischen Davos und Arosa. Heute schätzen Gäste das gemütliche Ambiente ebenso wie die Küche. „Hier war sogar schon Prinz Charles zu Gast“, erzählt Gastgeberin Gabriella Pahud. Gemeinsam mit ihrem Mann René hat sie das Haus liebevoll renoviert. Die Stuben und Zimmer sind mit Antiquitäten geschmückt, moderne Annehmlichkeiten, wie ein Hotpot im Garten und moderne Etagen-Badezimmer fügen sich dezent hinzu. Wer es ursprünglicher mag, nächtigt im Matratzenlager oder gar im Stroh.

Nach einem Frühstück aus selbst gebackenem Brot, lokalem Käse und duftendem Kaffee führt die Route steil hinauf zum Strelapass – der Grenze zwischen Davoser Skigebiet und unberührter Hochalpenwelt. Die Spuren der menschlichen Nutzung sind deutlich sichtbar, doch die Aussicht auf die Gipfel entschädigt.

Bald wird die Landschaft wieder lieblicher. Tief unten liegt der Grünsee, der im Sommer bis zu 20 Grad erreicht – ein Paradies für Wasserratten. Heute ist es zu kühl zum Baden. Über den Durannapass und durch Moorgebiete geht es ins abgeschiedene Fondei. Einst sollten hier Skilifte zwei Gebiete verbinden, doch nach Protesten und wirtschaftlichem Scheitern verschwanden die Anlagen schnell wieder, berichtet Wanderführerin Katharina. Zurück blieb stille Wildnis.

Etappenziel ist Strassberg, ein Walserdorf mit uralten Stallungen und Häusern. In der alten Sennerei erzählt Anja Camenisch, Wirtin und Käserin, wie früher Milch im Holzkessel zu Käse verarbeitet wurde. Heute geschieht das in moderner Umgebung, doch die Tradition lebt. Auch die Geschichte der Walser erklärt sie eindrücklich: seit dem Hochmittelalter vom Wallis in andere Alpengebiete abgewandert, erhielten die als fleißige und versierte Handwerker bekannten Alemannen besondere Rechte – und bewahren bis heute Sprache, Kultur und Siedlungen.

Aussicht auf die Gletscher der Silvretta: Es lohnt sich Gipfel zu erklimmen

Die dritte Etappe ins Hochwang-Gebiet ist nur kurz, deshalb hat Wanderleiterin Katharina einen Abstecher für Trittsichere im Angebot: Über einen ausgesetzten Grat vom Blakter Fürggli geht es zum Mattjisch Horn (2.461 Meter). Der Ausblick reicht von den Gletschern der Silvretta bis zum Rätikon. Die Gruppe schweigt, genießt Müsliriegel und Panorama gleichermaßen.

Am Abend empfängt das Ski- und Berghaus Hochwang seine Gäste mit bodenständiger Kochkunst. Wirt Marco serviert selbstgemachte Steinpilzravioli – die Pilze stammen aus den nahen Wäldern. Genächtigt wird im Matratzenlager unterm Dach.

Der letzte Tag beginnt früh. Um 4.30 Uhr steigen die Wanderer bei eisiger Kälte und mit Stirnlampen zum Aussichtsgipfel Cunggel (2.413 Meter) auf. Als dort um kurz nach 6 Uhr die Sonne aufgeht und das erste Tageslicht die wunderschöne Landschaft beleuchtet, sind die morgendlichen Strapazen schnell vergessen.

Nach dem Abstieg über Wiesen und durch Wälder ins Tal zur Bahnstation in Peist folgt der Abschied. Als die Rhätische Bahn nach Chur einfährt, spürt man die Wehmut: Die wunderschöne Bergwelt Graubündens zurückzulassen fällt schwer.

09092025_Schweiz
So verläuft der Schanfigger Höhenweg in Graubünden in der Schweiz. © Grafik: PunktX


Weitere Informationen

Mehr zum Thema unter www.graubuenden.ch, detaillierte Tourenbeschreibungen und GPS-Tracks gibt es unter www.schweizmobil.ch/de/wanderland/route-75, organisierte Touren mit Katharina Trachsler unter https://tschapatalpa.ch

Anreise mit dem Auto in rund fünf Stunden von Nürnberg nach Arosa, ca. 450 Kilometer. Mit der Bahn fährt man etwa sechs Stunden über Lindau und Bregenz nach Chur, weiter mit der Räthischen Bahn. Das Bus- und Bahnnetz in der Schweiz ist hervorragend ausgebaut, sodass die Wanderung individuell verlängert und verkürzt werden kann.
Beste Zeit: Juli bis September, wenn die Wege schneefrei sind.

Unterkünfte sollte man frühzeitig reservieren – viele Etappenorte haben nur ein Gasthaus: Heimeli in Sapün, zwei Gasthäuser in Strassberg, Ski- und Berghaus Hochwang.