Reichling - Erdgas aus Reichling oder vor Borkum ist Symbolpolitik. Die Mengen sind minimal, die Risiken groß – und der Preis für Klima und Natur zu hoch. Ein Kommentar von Roman Schuster.
10.09.2025 10:46 Uhr

Anfang September stiegen Aktivistinnen und Aktivisten von „Ende Gelände“ auf den Bohrturm in Reichling, brachten Banner mit Parolen wie „Gas ist Gift“ an. Die Polizei musste Höhenretter einsetzen. Es war die bislang spektakulärste, aber nicht die erste Aktion: Ende August demonstrierten schon rund 300 Menschen, unter ihnen Klimaaktivistin Luisa Neubauer. Reichling ist zum Prüfstein geworden, wie ernst die Politik den Ausstieg aus den fossilen Energien nimmt.

Der Ort liegt malerisch zwischen Ammersee und Allgäu, am Rand der streng geschützten Lech-Auen. Der Bohrplatz befindet sich nur rund 150 Meter von einer Trinkwasserquelle entfernt. Inzwischen laufen hier Testbohrungen, etwa 3000 Meter Tiefe sind erreicht. Es wird geprüft, ob sich eine Förderung lohnt. Bürgerinitiativen warnen vor Risiken fürs Wasser, Naturschützer vor Eingriffen in Landschaft und sensible Lebensräume.

Der Konflikt reicht über Bayern hinaus: Vor Borkum will ein niederländisch-deutsches Konsortium Erdgas fördern – ebenfalls mitten in einem Schutzgebiet, knapp 20 Kilometer vor der Küste. Inselbewohner, Umweltschützer und Tourismusbetriebe laufen Sturm. Fridays for Future, die Deutsche Umwelthilfe und Greenpeace haben dort ein Protestcamp organisiert. Reichling ist also kein Einzelfall.

Befürworter wie Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger sehen Gas als Brückentechnologie

Befürworter führen als Argument Energiesicherheit nach dem russischen Angriffskrieg an. Doch die Realität ist ernüchternd: In Reichling werden 100 bis 500 Millionen Kubikmeter Gas vermutet – Deutschland verbrauchte im vergangenen Jahr rund 70 bis 80 Milliarden, fast alles importiert. Der Beitrag aus Reichling wäre marginal.

Auch wirtschaftliche Versprechen sind trügerisch. Ja, es gibt Einnahmen für Kommunen, Aufträge für Firmen, ein paar Jobs. Doch langfristig drohen Verluste: sinkende Attraktivität für Tourismus, Einschränkungen für die Landwirtschaft, eine beschädigte Kulturlandschaft.

Bayerns Wirtschaftsminister Aiwanger sieht Gas als „Brückentechnologie“. Richtig ist: Deutschland ist noch nicht am Ziel. Millionen Haushalte heizen mit Gas, die Industrie braucht Übergangslösungen. Aber dafür braucht es keine neuen Bohrlöcher in Bayern. Die eigentliche Brücke in die Zukunft bilden Windkraft und Solarenergie. Damit sie zuverlässig tragen, braucht es Speicher und Netze – keinen Bohrturm in Reichling.

Erdgasbohrungen im Lechrain sind kontraproduktiv für Klimaneutralität

Am Ende zählt nicht, wie hoch die Sicherheitsstandards sind oder wie viele Jobs kurzfristig entstehen: Gas wird verbrannt, das CO2 gelangt in die Atmosphäre. Hinzu kommt: Methan, das bei Förderung entweicht, wirkt über 20 Jahre gerechnet bis zu 80-mal klimaschädlicher als CO2. Solange neue Gasfelder erschlossen werden, bleibt der Weg zur Klimaneutralität ein Lippenbekenntnis. Gas aus dem Lechrain mag ein paar Winter lang wärmen – doch es heizt für Jahrzehnte die Klimakrise an.