
Ein 15-Jähriger aus Mailand, 2006 an Leukämie gestorben, wird posthum zur Projektionsfläche einer ganzen Weltkirche. Am 7. September soll Carlo Acutis in Rom heiliggesprochen werden. Doch was hat er eigentlich dafür getan? In Italien ist Acutis als frommer Jugendlicher bekannt, der täglich zur Messe ging, sein Taschengeld Obdachlosen gab und mit seiner Begeisterung für Computer eine Sammlung über eucharistische Wunder – also Berichte über Hostien, die sich in Fleisch oder Blut verwandelt haben sollen – ins Netz stellte.
Hierzulande dagegen kennt ihn kaum jemand. Und wenn nun ein Jugendlicher, den außerhalb Italiens kaum jemand kennt, als „Cyber-Apostel“ inszeniert wird, drängt sich der Verdacht auf: Hier will die Kirche ein junges Publikum erreichen, um den eigenen Bedeutungsverlust aufzuhalten. Denn die Realität ist ernüchternd: Missbrauchsskandale, verkrustete Machtstrukturen, Reformstau. Die Institution verliert rapide an Vertrauen – besonders bei der jungen Generation. 2024 traten laut Deutscher Bischofskonferenz rund 322.000 Menschen aus der katholischen Kirche aus. Ein signifikanter Anteil davon waren zwischen 25 und 35 Jahren.
Natürlich: Acutis war gläubig, engagiert, hilfsbereit. Aber reicht das heute schon für die höchsten Weihen der katholischen Kirche? Der Maßstab, an dem Heiligkeit einst gemessen wurde – jahrzehntelange Aufopferung, Märtyrertum, außergewöhnliche spirituelle Kraft – scheint immer weiter verloren zu gehen.
Bei dem Jugendlichen ist der Prozess der Heiligsprechung ohnehin deutlich beschleunigt worden. Eigentlich dauert der nämlich eine halbe Ewigkeit und setzt oft eine jahrzehntelange Seligsprechung voraus. Die wurde bei dem 15-Jährigen erst 2020 vollzogen. Zudem verlangt die katholische Kirche mindestens zwei nachgewiesene Wunder. Doch Acutis hat selbst keine vollbracht. Der sogenannte „Influencer Gottes“ hat lediglich eine digitale Sammlung an Wundern aufgebaut.
Carlo Acutis wird heiliggesprochen - dabei ist seine Sammlung an Wundererzählungen problematisch
Und diese Sammlung ist an sich auch problematisch. Viele eucharistische Wundererzählungen sind historisch mit antisemitischen Narrativen verknüpft. So wurden Hostienlegenden in der Vergangenheit oft missbraucht, um Menschen jüdischen Glaubens zu diffamieren und Pogrome zu rechtfertigen. Auch wenn Acutis dafür nicht verantwortlich gemacht werden kann: Ein moderner Heiliger, der ohne Kontextualisierung solche Erzählungen veröffentlicht, muss sich Kritik gefallen lassen - ebenso die Kirche. Denn am Ende schwächt dies doch die Botschaft, die seine Heiligsprechung senden soll.
Dem verstorbenen Acutis, der in Assisi seine letzte Ruhestätte gefunden hat, dürfte das alles gleichgültig sein. Für die Kirche jedoch wirkt die hastige Heiligsprechung eher unglaubwürdig als modern – und junge Menschen erreicht sie damit auch nicht.


1 Kommentar
Kantigenes
Der arme Junge liegt jetzt in einem gläsernen Sarg - auf unbestimmte Zeit, wenn kein Wunder geschieht, in seinen Jeans in Assisi, von jedem "bestaunbar" zur Schau gestellt nein gelegt, ohne daß man ihn gefragt hat.
Geht da Kirchenrecht, vor Respekt vor den Toten?
05.09.2025 15:46 Uhr