
Es war ein großer Schritt, den Michael Ottmann wagte, als er aus dem kleinen Solnhofen in die große Stadt auswanderte. Als Sohn eines Steinbruchbesitzers finanziell gut abgesichert, ließ er sich mit Gattin Kunigunde und den Kindern Else und Karl im Nürnberger Nibelungenviertel nieder, wo in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg an allen Ecken gebaut wurde.
Von der Immobilien-AG „Noris“, die um 1900 in weiser Voraussicht jenes Booms weite Teile der Gegend aufgekauft hatte, erwarb er das Grundstück Siegfriedstraße 33. Nach Planung des Maurermeisters Max Rüttinger wuchs hier 1912-14 das neue Zuhause der Familie in die Höhe.
Rüttinger lockerte die beiden Straßenfassaden des viergeschossigen Mietshauses durch zwei flache Polygonalerker auf, über denen malerische Mansardgiebel ins Straßenbild grüßten. Profilgesimse, Stuckfelder mit Jugendstilornament und hölzerne Fensterläden stellten die künstlerischen Farbtupfer in den Strukturputzfronten dar. Die Siegfriedstraße 33, sie war und ist ein typisches Beispiel für die Reformarchitektur.
Ein etwas misstrauisch dreinschauender Maskaron begrüßte die Kundschaft der Bäckerei und Konditorei, die die Ottmanns im Erdgeschoss betrieben. Nebenan führte Marie Bach eine Schreibwarenhandlung. Es waren kleine, familiengeführte Läden, wie es sie bis in die Nachkriegsjahre zuhauf gab in der Nürnberger Vorstadt – und die heute, in Zeiten von Supermärkten und Internetversandhandel fast völlig verschwunden sind. Auch der Betrieb der Ottmanns, der nach dem Tod von Michael und Kunigunde verpachtet wurde (zuletzt dann als Getränkemarkt), musste 2002 einer Wohnung weichen; die Ladentür hat man zugemauert.
Dass Dachlandschaft und Fassaden heute merklich vereinfacht sind, ist Folge zweier britischer Brandbomben, die im August 1943 das Dach durchschlugen und die drei oberen Geschosse des Hauses weitgehend zerstörten. Nachdem die Ottmanns die ausgeglühten Giebel wegen Einsturzgefahr hatten kappen und ein Notdach errichten mussten, entschieden sie sich dazu, dem Gebäude nun lieber ein weiteres Vollgeschoss und ein Walmdach aufzusetzen. 1948 war der Wiederaufbau nach Planung von Heinrich Amtenbrink vollendet. Im Krieg verloren die Ottmanns ihren Sohn und Bruder Karl, der seit 1944 in Rumänien als vermisst gilt.
Die Eigentümerfamilie ist ihrem Zuhause in Nürnberg stets treu geblieben: Schon Ulrike Sperbers Eltern Else Ottmann und ihr Mann Karl Sperber, der bei der Hochzeit 1934 als Jugenddiakon in St. Peter wirkte, zogen hier ein. Für die Familie war und ist die Siegfriedstraße 33 mehr als nur eine Immobilie: Sie ist ein Zuhause im besten Sinne des Wortes, geliebt, gepflegt und geehrt.
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