Nürnberg - Bären und Wölfe siedeln sich wieder in mitteleuropäischen Wäldern an. Es ist ein Artenschutz-Erfolg mit Schattenseiten. Die Menschen werden nun lernen müssen, mit den teilweise schmerzhaften Aufeinandertreffen zu leben, kommentiert Carolin Heilig.
03.08.2025 09:55 Uhr

Es war eine Konfrontation mit Ansage. Andrea Papi wollte in einem Wald in der norditalienischen Provinz Trentino seine Joggingrunde drehen. Gaia, eine Braunbärin, wollte vermutlich ihre beiden Jungen schützen. Das Aufeinandertreffen von Bärin und Jogger endete für den Sportler vor rund zwei Jahren tödlich. Um das Schicksal der Bärin entbrannte eine heftige Diskussion. Ein Abschuss wurde von den Behörden angeordnet, einige Menschen waren froh darüber, Tierschützer hingegen klagten.

Wenn sich Zivilisation und große Raubtiere (zu) nahekommen, entstehen schmerzhafte Konflikte. Das zeigt sich auch direkt vor unserer Haustür. So tötete ein Wolf bei Auerbach in der Oberpfalz im vergangenen Jahr 18 Schafe. Solche Zwischenfälle rauben Landwirten ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage.

Es ist eine Medaille mit zwei Seiten. Eigentlich ist die gelungene Wiederansiedlung von Wolf und Bär, die aus mitteleuropäischen Wäldern zwischenzeitlich fast verschwunden waren, ein Erfolg für den Artenschutz. Das Problem aber: Das Zusammenleben funktioniert einfach nicht mehr.

Wolf und Bär sind wieder da: Ihre Wildheit bedeutet immer auch Gefahr

Die Zivilisation hat sich ausgebreitet. Der Klimawandel und der Mensch zerstören Lebensräume. Für die Tiere bleibt in der Natur zu wenig Platz. Mitunter verlustreiche Aufeinandertreffen zwischen Zivilisation und Raubtieren sind somit unvermeidbar. Es gehört zu einer neuen Realität, dass Menschen verletzt oder Nutztiere gerissen werden, denn Wolf und Bär bleiben Raubtiere mit all ihren Instinkten. Das sind nicht die netten, kuscheligen, mitunter träge erscheinenden Zeitgenossen, die sich im Zoo oder Tiergarten beobachten lassen. Das sind wilde Tiere, die ihr eigenes Überleben sicherstellen müssen.

Bärin Gaia soll künftig keine Gefahr mehr darstellen. Sie kommt in ein Schutzreservat im Schwarzwald. Was idyllisch klingt, dürfte für das Tier, das bisher nur die Freiheit kennt, ein bitterer Einschnitt sein, bedeutet es doch ein Leben umgeben von Zäunen.

Der Mensch hat die richtige Entscheidung getroffen, den Artenschutz als hohes Gut zu definieren und in der Folge die großen Raubtiere wieder in ihren ursprünglichen Lebensräumen anzusiedeln. Nun sollten wir als Gesellschaft anfangen, mit den Konsequenzen dieser Entscheidung zu leben. Die Tiere brauchen Platz, die Zivilisation sollte sich zurückziehen. Das bedeutet, nicht jeder Wald kann zum Wanderparadies für Touristen auserkoren werden.

Gleichzeitig ist es unausweichlich, dass wir uns selbst und unsere Nutztiere besser schützen. Dafür braucht es Zäune. Und es braucht Aufklärungskampagnen, damit der Mensch weiß, wie er sich bei einem Zusammentreffen mit den Raubtieren richtig verhalten sollte. Das alles kostet Geld, doch diese Investitionen sind alternativlos geworden.

Es ist schön, sich mit erfolgreichem Artenschutz zu rühmen, aber dieser Ruhm hat eben seinen Preis. Wildheit bedeutet immer auch eine gewisse Gefahr - damit müssen wir Menschen nun leben.