
Der Anfang war wie ein Schock. Von einem Tag auf den anderen hört Elke L. auf dem rechten Ohr nichts mehr. Ein Hörsturz - Ursache unbekannt. „Am Anfang hatte ich noch die Hoffnung, dass mein Gehör sich wieder erholt“, erzählt die heute 51-Jährige. „Aber das Hörvermögen auf der rechten Seite kam nicht mehr zurück.“
Drei Jahre ist das jetzt her. Ein Hörgerät reicht bei Elke L. nicht aus. Es verstärkt Geräusche zwar, wenn das Innenohr allerdings zu stark geschädigt sind, hilft auch der lautere Schall nichts. In der Hals-Nasen-Ohren-Klinik am Uniklinikum Erlangen raten sie der Patientin zu einem Cochlea-Implantat. „Aber ich hatte Angst vor der OP – daher habe ich abgelehnt“, wird sie in einer Mitteilung zitiert.
Das Implantat sendet die Geräusche zum Gehirn
Eine gesunde Cochlea - auf Deutsch Gehörschnecke - wandelt Schallwellen in elektrische Signale um, damit der Hörnerv sie weiter ins Gehirn leitet kann. Wenn sie kaputt ist, lässt sie sich ersetzen. „Ein Cochlea-Implantat überbrückt die geschädigten Strukturen: Es wandelt den Schall um und reizt den Hörnerv – selbst dann, wenn keine funktionstüchtigen Haarzellen mehr vorhanden sind“, erklärt Ulrich Hoppe. Der Professor leitet die Audiologie und das Cochlear-Implant-Centrum am Uniklinikum.
Er erklärt auch die circa 30-minütige Operation, die Elke L. helfen könnte: „Dafür setzen wir hinter dem Ohr einen kleinen Hautschnitt, um zur Cochlea zu gelangen“, sagt Hoppe. „Wir führen die feinen Elektroden vorsichtig in die Hörschnecke ein und fixieren das Implantat unter der Haut.“ Nach der Heilung - etwa drei Wochen nach der OP - kann die Patientin den Sprachprozessor, der Geräusche aufnimmt und in elektrische Signale umwandelt, mit einem Magneten außen an der Kopfhaut befestigen. So lässt er sich etwa beim Baden auch abnehmen.
Elke L. wagt sich schließlich an eine neue Möglichkeit. Die Erlanger HNO-Klinik ist eines von drei Zentren weltweit, die ein intelligentes Cochlea-Implantat-System vor der Markteinführung testen: Es enthält Prozessor und Speicherchip. Dadurch lässt sich die Lage am Hörnerv möglichst genau einstellen und an das Gehör der Patientin oder des Patienten anpassen. Die Daten lassen sich speichern, falls der äußere Teil verloren geht, und Aktualisierungen können aufgespielt werden. „Das ist vergleichbar mit dem Innovationssprung vom Tastenhandy zum ersten Smartphone“, ist Hoppe überzeugt. „Dass wir dafür als Partner ausgewählt wurden, unterstreicht die hohe Expertise unseres Hauses.“
Cochlea-Implantat: Die Nerven müssen erst lernen, wieder zu hören
Der Hörnerv gewöhnt sich erst nach und nach an die neuen Reize, bei der Nachsorge ist daher Zeit, Geduld und Expertise wichtig. In Erlangen arbeiten dafür Audiologinnen und Audiologen, Logopädinnen und Logopäden sowie Therapeutinnen und Therapeuten zusammen, um das „neue Hören“ einzuüben. Mehr als 100 Geräte des australischen Herstellers Cochlear Ltd. haben die Ärzte der HNO-Klinik seit Juli 2024 eingesetzt. Insgesamt finden am Uniklinikum jedes Jahr rund 170 Cochlea-Implantationen statt.
„Früher wurde ich gerufen und wusste nicht, woher die Stimme kam“, erzählt Elke L. ein halbes Jahr nach der Operation. „Jetzt kann ich wieder genau zuordnen, aus welcher Richtung ein Geräusch kommt - das ist eine ganz neue Lebensqualität.“
Nicht nur ein Hörsturz, wie bei ihr, kann zu einem dauerhaften Hörverlust führen, auch Infektionen wie eine bakterielle Meningitis oder Autoimmunerkrankungen können der Grund sein. Schwerhörigkeit kann angeboren sein oder im Lauf des Lebens entstehen, etwa durch dauerhaften starken Lärm.
Deutschlandweit bekommen jedes Jahr etwa 5000 Menschen ein neues Cochlea-Implantat. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 60.000 Personen eines oder zwei besitzen. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten, wenn andere Hörgeräte nicht ausreichen.
„Dabei ist eine hochwertige Nachsorge für den Behandlungserfolg mindestens genauso entscheidend wie der operative Eingriff selbst“, sagt Hoppe. „Das neue, weltweit erste smarte Cochlea-Implantat-System erleichtert diesen Prozess entscheidend.“



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