Nürnberg - Kaum eine Stunde vom Trubel des Gardasees entfernt liegt das Val Nambrone – wild, ursprünglich, still. Murmeltiere pfeifen, Wasserfälle rauschen, keine Lifte, keine Autos. Ein Tal wie aus der Zeit gefallen – und fast verloren gegangen.
08.07.2025 10:59 Uhr

Morgens liegt das Val Nambrone noch im sanften Schatten der gewaltigen Presanella, dem höchsten Berg des Trentino. Die über 3500 Meter hohen Felspyramide spiegelt sich in den Cornisello Seen, Murmeltiere pfeifen einander über die Wiesen hinweg Warnsignale zu, eine Gämse steht wie gemalt auf einem Schneefeld. Der einzige Laut: das entfernte Rauschen eines Wasserfalls. Kein Mensch zu sehen. Keine Lifte. Keine Autos.

Dabei liegt dieses alpine Juwel – wie aus der Zeit gefallen – kaum eine Autostunde vom überlaufenen Gardasee entfernt. Und nur ein kurzes Stück abseits vom mondänen Madonna di Campiglio, wo Jetset und Skifans sich in der Hochsaison die Pisten teilen. Doch hier im Val Nambrone, einem Seitental des Val Rendena im Naturpark Adamello-Brenta, fühlt sich alles ursprünglicher an. Wilder. Still.


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Luca Vidi, Wirt der Cornisello-Hütte, berichtet, dass das wunderschöne Tal fast in einem Stausee verschwunden wäre. © Clara Grau

„Stellen Sie sich vor, hier hätte ein riesiger Stausee entstehen sollen“, erzählt Luca Vidi, der Wirt der modernen Cornisello-Hütte auf 2120 Metern. „Schon in den 1950er Jahren rollten die Bagger. Straßen wurden gebaut, Baracken errichtet.“ Die Anlage war bereits weit vorangeschritten, als 1963 die Katastrophe von Vajont alles veränderte: Ein Bergrutsch in Nordostitalien löste eine gigantische Flutwelle aus, die über eine Staumauer hinwegrollte und über 2000 Menschen das Leben kostete. „Danach war Schluss – auch hier im Val Nambrone“, sagt Vidi. Mit Glück und Protest wurde die wilde Schönheit des Tals gerettet.

Heute steht dort, wo einst Bauarbeiter hausten, seine Hütte: modern, hell, mit Panoramafenstern, warmem Holz, gemütlicher Stube und einer Sonnenterrasse mit Dolomitenblick. Von hier aus starten zwei traumhafte Rundwanderungen – perfekt für Tagesgäste oder für ein verlängertes Wochenende in der Höhe.

Die erste Tour führt von der Cornisello-Hütte zu den gleichnamigen Seen und weiter hinauf zum einsamen Vedretta-See auf rund 2600 Metern. Im Juni ist er oft noch von einer dünnen Eisschicht überzogen. Auf kleinen, wenig begangenen Pfaden kann man abseits der Hauptroute versteckte Nebentäler entdecken – ideale Reviere für Wildbeobachtungen. Mit etwas Glück lassen sich Murmeltiere, Gämsen oder sogar ein Steinadler beobachten. Trittsicherheit ist gefragt, aber technisch ist die Route auch für sportliche Genusswanderer gut machbar.

Noch aussichtsreicher wird es auf der zweiten Runde, die über den dunklen Lago Nero zur Om-Scharte und weiter ins Val d‘Amola führt. Dort wartet die Segantini-Hütte – Ausgangspunkt für Hochalpinisten, die frühmorgens zur Presanella aufbrechen, aber auch ein Genussort für Feinschmecker. Auf der Terrasse genießt man Spezialitäten wie Polenta mit Wildragout, Käse aus den Almen oder Trentiner Knödelvariationen – mit Blick auf die gezackten Brenta-Gipfel.

Via delle Valli – das neue Wanderprojekt 2025

Das Val Nambrone ist nur eines von insgesamt 50 Tälern, die das Projekt Via delle Valli in den Mittelpunkt rückt – ein neues Großvorhaben von Trentino Turismo, das im Sommer 2025 offiziell startet. Ziel: die vielfältige Bergwelt des Trentino auf sanfte, nachhaltige Weise zu erschließen und bekannter zu machen.

„Viele dieser Täler sind selbst Einheimischen kaum bekannt“, erklärt Loredana Bonazza vom Tourismusverband Madonna di Campiglio. „Wir wollen zeigen, wie unterschiedlich und besonders jedes einzelne ist – in Flora, Fauna, Kultur und Charakter.“

Ein zentrales Element der Via delle Valli ist die digitale Plattform, auf der Besucher ihre Touren individuell planen können – abgestimmt auf Zeit, Kondition, Interessen und Jahreszeit. Dazu gibt es aus jedem Tal einen lokalen „Botschafter“ oder eine „Botschafterin“, die auf der Website ihre persönlichen Tipps, Geschichten und Lieblingsplätze vorstellen.

Die Idee: ein Wanderwegenetz, das alle 50 Täler verbindet, durchzogen von einem roten Faden – und doch flexibel, sodass man sich sein eigenes Abenteuer zusammenstellen kann. Von kurzen, familientauglichen Spaziergängen bis zu mehrtägigen Bergtouren, von bekannten Highlights bis zu verborgenen Geheimtipps. Jeder Wanderer soll seinen eigenen Weg, sein eigenes Tempo finden.

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Rangerin Deborah von der regionalen Forstverwaltung weiß, wo man Murmeltiere und Gämsen beobachten kann. © Clara Grau

Übrigens: Im Naturpark Adamello-Brenta leben etwa 50 der insgesamt 100 Bären des Trentino. Klingt spektakulär, ist aber für Wanderer kein Grund zur Sorge, sagt Rangerin Deborah von der regionalen Forstverwaltung: „Die Tiere sind extrem scheu. Sie hören, sehen und riechen uns lange bevor wir sie überhaupt erahnen.“ Sollte es doch einmal zu einer Begegnung kommen, lautet der Rat: „Nicht rennen. Ruhig bleiben. Langsam zurückziehen.“

Weitere Informationen:

www.visittrentino.info/de
Anreise: Bahn: ca. 6 Stunden nach Trient, weiter mit dem Bus zur Haltestelle Val Nambrone. Auto: 550 Kilometer und 7 Stunden ab Nürnberg.

Unterkünfte: Berghütten: Rifugio Cornisello & Rifugio Segantini.

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Val Nambrone, Trentino, Italien © PunktX