Nürnberg - In Nürnbergs St. Johannis klotzte ein Fabrikant 1912/13 ein Mietshaus hin. Lange stand es allein herum. Als es Gesellschaft bekam, glich sich diese so gut an den Altbestand an, dass nur das geschulte Auge den Unterschied erkennt.
08.07.2025 19:00 Uhr

Passt, aber nur fast. Wer genau hinsieht, erkennt, dass das Haus mit der Nr. 10 in der Weichselstraße ein wenig anders ist als die Bauten der Kleinwohnanlage St. Johannis, die es nahezu vollständig umschließen. Und das hat seinen Grund: Das markante Eckhaus ist einige Jahre älter als die Bauten der WBG. Von seiner Fertigstellung 1912/13 bis 1926 stand es allein auf weiter Flur.

An den ausgefransten Rändern der großen Stadt, wo die dichte Blockbebauung bisweilen recht abrupt in die Gärten und Felder überging – die Siedlungsgeografie hat dafür den Begriff „Zwischenstadt“ erfunden –, waren solche Solitäre um 1900 häufig anzutreffen. Ihre Entstehung verdankten sie der schier grenzenlosen Hoffnung der Bauherren. Die wogen sich in dem Glauben, dass das Stadtwachstum immer weitergehen und ihr Investment bald mitten in einer brummenden Nachbarschaft stehen würde. Der Randlage nahe an der Natur entsprach der Name der Straße nach der Sauerkirsche (Weichsel).

Außenansicht
Seine Architektur im malerischen Reformstil, das gefällige Orange und die Sandsteinelemente heben das Haus Weichselstraße 10 von den umgebenden Bauten der WBG ab. © Sebastian Gulden

Für Michael Heußinger, den Erbauer der Weichselstraße 10, ging der Plan auf, wenngleich mit einiger Verzögerung durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der nach kurzer Zeit auch auf dem Bausektor alle Ressourcen auffraß. Der Unternehmer, der 1921 die Rohrmattenfabrik Nürnberg-Mögeldorf von ihrem Gründer Benno Schloß übernahm, verkaufte das Haus noch vor Fertigstellung an die Privatiere und vormalige Immobilienmaklerin Christine Seuffert, die mit ihrem Mann Kandidus gegenüber von Heußinger wohnte. Sie betrachtete das Haus im Kleine-Leute-Viertel Sandberg, das damals noch Neuwetzendorf hieß, als reine Kapitalanlage.

Bei der Wahl des Planers blieb Heußinger in der Familie: Sein Bruder Konrad (geboren 1876), mit dem er sich die Wohnung in der Luitpoldstraße 8 teilte, war Architekt und Kunsthistoriker, der 1909 mit der Arbeit „Das Bauwesen in Alt-Nürnberg, erläutert an einigen Beispielen der Ein- und Zweihof-Anlage“ in München promovierte. Als begeisterter Jäger begründete er 1919 den bis heute bestehenden „Jagdgebrauchshundverein Bayern“.

Chörlein
Diesen Kastenerker darf man mit Recht als „Chörlein“ bezeichnen. Tatsächlich sahen die typischen eingeschossigen Nürnberger Erker im Spätmittelalter so oder ähnlich aus. © Sebastian Gulden

Sicher beeinflusst von der modernen Architektur seines Studienortes, aber auch von seinem Faible für „Alt-Nürnberg“ verlieh Heußinger dem Neubau die malerischen Formen des zeittypischen Reformstils. Dessen Bauten beziehen ihre Wirkung vor allem aus der abwechslungsreichen Kubatur, die hier durch ein bulliges Chörlein, ein Eckzwerchhaus mit Walmdach und ein breites Gaubenband imponiert. Belebend wirken ferner der Farb- und Strukturwechsel der Oberflächen – Sandstein, Strukturputz und Sichtfachwerk – und reizvolle Details wie die hölzernen Fensterläden.

Das alte Gebäude wird von der WBG liebevoll gepflegt

Ein altes Foto haben wir diesmal nicht. Das braucht es aber auch nicht, denn noch heute stehen das Gebäude und sein naher Umgriff fast so da wie anno dazumal. Dazu beigetragen hat sicher auch der Denkmalschutz. Zwar ist die Weichselstraße 10 kein Einzeldenkmal; sie steht aber im Ensemble-Bereich und ist daher zumindest außen vor unpassenden Veränderungen geschützt.

Tatsächlich gehört das Haus heute ebenfalls zum Wohnungsbestand der WBG, die es ebenso liebevoll instandhält wie die Siedlung rundum. Auf die Außendämmung indes hat man zum Wohle der Optik verzichtet. Einfach schön!

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