Nürnberg - Ein heißer Sommerabend, den manche Künstlerinnen und Künstler wohl nicht nur wegen der immensen Temperaturen im Gedächtnis behalten werden: Am Mittwoch (2. Juli) wurde die Ausstellung zum 33. NN-Kunstpreis eröffnet.
04.07.2025 15:00 Uhr

Entsetzen spricht aus dem Blick des gestürzten Atlas, die Augen sind weit aufgerissen: Die Weltkugel liegt zerborsten vor ihm. Natürlich, sagt der Holzbildhauer Franz Weidinger, habe ihn auch der schreckliche Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine zu seinem Werk inspiriert. Aber über dieses konkrete politische Ereignis hinaus mache er sich Gedanken über das „Zerbrechen von Gewissheiten“, sagt der Hauptpreisträger beim Kunstpreis der Nürnberger Nachrichten im Gespräch mit unserem Medienhaus: „Es gibt keine Selbstverständlichkeiten mehr.“

Die Verlegerinnen und Kunstpreis-Jurymitglieder Bärbel Schnell und Sabine Schnell-Pleyer zeigen sich begeistert von Weidingers Werk, von diesem „ernsten Blick auf die Weltlage“, wie es Bärbel Schnell formuliert. Und sie betonen, wie gut sich die Plätze eins und drei gegenseitig ergänzen. Denn „Bronze“ geht heuer an Maximilian Ostermann für sein Bild „Schneeberg“, das eine Idylle zeigt, die gar nicht in die aus den Fugen geratene Zeit zu passen scheint. Sabine Schnell-Pleyer findet es aber gerade wichtig, auch ein solches Werk zu prämieren, welches Hoffnung spendet: „Natur schafft Zuversicht.“

„Ich bin ein Mann des Pinsels und der Farbe, nicht der Worte“, sagt Ostermann anlässlich der Preisverleihung in der Marthakirche. Und bittet die Gäste, für 30 Sekunden zu schweigen - im Gedenken an alle Opfer von Krieg, Terrorismus oder Hunger. Ein bemerkenswerter Moment der Stille. Zuvor hatte Julia Lehner, Kulturbürgermeisterin der Stadt Nürnberg und Vorsitzende der Kunstpreis-Jury, das künstlerische Schaffen als „Kitt unseres gesellschaftlichen Zusammenhaltes“ gewürdigt - und zugleich die Bedeutung des Kunstpreises hervorgehoben, der heuer seine 33. Auflage erlebt: „Tausende von Künstlern haben die Chance erhalten, sichtbar zu sein, ihren kreativen Weg auf den Prüfstand zu stellen.“

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Nach der Preisverleihung in der Marthakirche ging es weiter ins Kunsthaus zur Eröffnung der Ausstellung. Die Besucher hatten sichtlich ihren Spaß. © Günter Distler

Preisträger Weidinger: „Wir brauchen Energie von außen“

Genau dies bestätigt Weidinger in seiner Dankesrede: Talent sei wichtig, aber für mindestens genauso bedeutsam für einen Künstler halte er die Fähigkeit, trotz Rückschlägen dranzubleiben. Doch das könne man nicht alleine schaffen: „Es braucht Energie von außen und Wertschätzung.“ Genau deshalb seien Institutionen wie der Kunstpreis so wichtig. „Es ist eine Auszeichnung, die Mut macht, weiterzumachen“, sagt später auch Ostermann.

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Im Vordergrund ist „Lebensmuster“ von Nina Heinlein zu sehen. Heinlein bekam eine der vier mit jeweils 2000 Euro dotierten Preise. © Günter Distler

Doch neben all diesen ernsthaften Überlegungen wird an diesem heißen Sommerabend anlässlich der Eröffnung der Sonderausstellung zum NN-Kunstpreis auch viel gelacht. Rund 270 Besucher sind ins Kunsthaus gekommen, darunter Maxi Schmidt und ihre Freundin. Sie freuen sich zum Beispiel sichtlich über „Museum VII“, jenes Werk, mit dem Eun Hui Lee heuer den zweiten Platz belegt. Beinahe feixend stehen die beiden Frauen vor dem Bild, auf dem eine skeptisch bis ratlos wirkende Bulldogge an dem Ballonhund des Starkünstlers Jeff Koons vorbeizieht. Sie finde es toll, wenn solche Zitate aus der Kunstgeschichte Verwendung finden, sagt Barbara Müller, die ebenfalls als Besucherin bei der Ausstellungseröffnung vorbeischaut.

Hunde, Affen, Hasen - einfach „ein tierisch guter Jahrgang“

„Museum VII“ ist nicht das einzige Bild, auf dem Tiere zu sehen sind, weshalb Verlegerin Sabine Schnell-Pleyer im doppelten Wortsinne von einem „tierisch guten Jahrgang“ spricht: Die Schau bietet unter anderem Affen, ein Rhinozeros und einen frech dreinblickenden Hasen - „Vorbeigeschossen“, lautet der Titel des Bildes von Jette Böhm-Schmidt. Meister Lampe hat noch einmal Glück gehabt, was er mit einem Grinsen zu quittieren scheint. Besucherin Ursula Hahn freut sich sehr über den Hasen, möchte aber insgesamt die 66 in der Schau präsentierten Werke loben: „Es ist die große Vielfalt, die überzeugt. Die NN-Ausstellung ist einfach ein Highlight.“

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Diese Besucherin schaut sich „Dürers Powernap“ von Clemens Heinl genauer an. © Günter Distler

Mit dieser Meinung steht sie offenkundig nicht alleine da: Katja Voß, im Verlag Nürnberger Presse (VNP) für die Betreuung des Kunstpreises zuständig, spricht von mehr als 16.000 Besuchern bei der Ausstellung im Jahr 2024. „Das waren so viele wie nie zuvor.“

Kulturbürgermeisterin Lehner: Kunst ist wichtig für die Demokratie

„Was machen diese Bilder mit uns?“, fragt die im kommenden Jahr scheidende Kulturbürgermeisterin Julia Lehner in ihrer Eröffnungsrede. Kunst schaffe Räume des Denkens, des Fühlens, der Begeisterung. Sie ermögliche neue Perspektiven und sorge für Irritationen - deswegen werde in totalitären Systemen die künstlerische Freiheit beschnitten. Die Jury-Vorsitzende würdigt die Kunst ebenso wie den Journalismus als wichtige Säulen für eine funktionierende Demokratie.

„Umwerfend gut“ sei die Skulptur „Atlas“, heißt es in der Laudatio zum Werk des Hauptpreisträgers Franz Weidinger. Ein Urteil, das auch auf die Ausstellung insgesamt zutrifft.

Die Schau ist bis 7. September im Nürnberger Kunsthaus (Königstraße 93) zu sehen. Der Eintritt ist frei.


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