Nürnberg - Nürnberg hat nicht nur in seinem historischen Zentrum prächtige Architektur zu bieten, sondern auch in der Vorstadt - so etwa in Glockenhof mit einem Haus in Pistazienfarbe. Was es damit auf sich hat.
25.06.2025 11:00 Uhr

Was man nicht so alles entdeckt in den Seitenstraßen der Nürnberger Vorstadt! Etwa ein neubarockes Palais in Glockenhof, hinter dessen Entstehen zwei heute längst vergessene Geschäftspartner stehen.

Lugte auf unserem historischen Foto nicht hie und da jemand aus den Fenstern, man würde das Haus Walter-Meckauer-Straße 7 mit seiner vornehmen neubarocken Fassade glatt für ein Gerichtsgebäude oder ein Krankenhaus halten. Tatsächlich ist der für Nürnberg ungewöhnliche Bau 1902/03 als Mietshaus entstanden, und das ist er noch heute. Damals war die Trasse vor dem Gebäude noch Teil der Schwanhardtstraße (sie wurde erst 1981 nach dem deutsch-jüdischen Schriftsteller Walter Meckauer umbenannt).

Historisch: Walter-Meckauer-Straße 7
Als diese Fotografie um 1913 entstand, besaß das Haus noch die originale neubarocke Haustür, Winterfenster und dekorative Jalousien-Schabracken. © Sammlung Sebastian Gulden

Die straßenseitige Fassade des viergeschossigen Baus ist streng achsensymmetrisch gestaltet. Gleichsam den Rahmen für die verputzten Ziegelmauern in den Obergeschossen bilden das Erdgeschoss mit Rustika-Mauerwerk aus Sandstein, die gequaderten Kolossalpilaster an den Gebäudeecken und dem Treppenhausschacht. Die Fenster rahmen zarte Einfassungen mit Ranken- und Muschelwerk, Schürzen, Gesimse, Verdachungen in Anlehnung an spätbarocke Vorbilder. Auf der Hofseite zeigt sich, dass die Symmetrie der Vorderseite über den wahren Grundriss hinwegtäuscht: Tatsächlich springt hier der mittlere Gebäudetrakt deutlich gen Osten vor und bildet einen ausmittigen Rückflügel aus. Der Grund für diese eigentümliche Lösung war der ungünstige Zuschnitt des Grundstücks, das sich nach Süden hin verjüngt. Ein Mansarddach mit Giebelgauben und Dachplattform bildet den Gebäudeabschluss.

Hinter dem Bauprojekt standen der Architekt Hermann Döring und der Kaufmann Christian Sengenberger, die sich im Jahre 1900 zu einer Sozietät – heute würde man wohl „Projektentwicklungsgesellschaft“ sagen – zusammengeschlossen hatten. Eine Besonderheit: Die Firma besaß einen eigenen Steinbruch und stellte eigene Steinmetze an. Die Geschäftsräume von Döring & Sengenberger lagen gleich um die Ecke in der Regensburger Straße 34 (das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und später durch einen Neubau ersetzt). Sie hielten das Haus nur kurze Zeit, um es alsbald an wechselnde wohlhabende Kapitalanleger zu verkaufen.

Kantine und Kunstanstalt unter einem Nürnberger Dach

Anfangs als reines Wohnhaus genutzt, zog in den südlichen Erdgeschossteil später Gewerbe ein, darunter eine Kantine (womit kein Betriebsrestaurant, sondern ein einfaches Speiselokal gemeint war) und die Kunstanstalt Klischee-Schwarz. Die inzwischen teilweise wieder zugemauerten breiten Schaufenster erinnern noch daran.

Ansonsten hat sich das Gebäude äußerlich recht gut im historischen Gewand erhalten, freilich mit den typischen Modernisierungen der späten Nachkriegszeit mit Fensterfüllungen, die lediglich einen Kämpfer aufweisen und Einhausungen der Giebelgauben aus Titanzinkblech. Gut getroffen ist das Pistaziengrün der Putzflächen, denn dieser Farbton war im frühen 20. Jahrhundert durchaus beliebt.

Der gemeinsame Weg von Döring und Sengenberger übrigens war kurz: Schon 1906 löste sich das Büro auf, die Spuren der beiden verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Was geblieben ist, ist das majestätische Gebäude, das sie dank ihrem vereinten Know-how als Kaufmann und Baukünstler geschaffen haben. Möge es noch lange bestehen bleiben!

Diese Serie lädt zum Mitmachen ein. Haben Sie auch noch alte Fotos von Ansichten aus Nürnberg und der Region? Dann schicken Sie sie uns bitte zu. Wir machen ein aktuelles Foto und erzählen die Geschichte dazu. Per Post: Nürnberger Nachrichten/Nürnberger Zeitung, Lokalredaktion, Marienstraße 9, 90402 Nürnberg; per E-Mail: redaktion-nuernberg@vnp.de. Weitere Artikel des Projekts „Nürnberg – Stadtbild im Wandel“ mit Ansichten der Stadt und Hintergründen unter

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