Nürnberg - Vor gut 100 Jahren lagen Wohnen und Arbeiten in Nürnbergs Vorstadtquartieren in aller Regel noch eng beieinander. Ein idyllisches Häuschen erzählt von jener Zeit, die in vielerlei, wenn auch sicher nicht in jeder Hinsicht eine gute war.
15.05.2025 19:00 Uhr

Ein Haus im Grünen – so scheint es zumindest. Tatsächlich ist es so, dass unser anonymer Fotograf anno 1912 das Anwesen Ludwig-Feuerbach-Straße 71 geschickt in Szene zu setzen wusste, um den Anschein ländlichen Idylls zu wahren. Eine lauschige Laube und üppig grünende Büsche und Bäume im Vorgarten leisteten ihm dabei wertvolle Dienste. Geradezu verräterisch jedoch recken sich im Hintergrund zwei himmelhohe Ziegelschornsteine in die Höhe, die zeigen: Diese Idylle lag im Industriegebiet!

Dass Wohnen, Gewerbe und Industrie so dicht aufeinanderhockten, war typisch für die neuen Vorstadtquartiere des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, auch und insbesondere für den Rennweg mit seinen Betrieben der metallverarbeitenden und chemischen Industrie. Erst der Ausbau des Nahverkehrs, der Platzmangel durch das Wachstum der Großstadt, später auch der erwachende Umweltschutz und die moderne Hygiene entzerrten Wohnen und Arbeiten.

Entstanden ist das Haus um 1865, als die aufstrebende Gemeinde Rennweg auf eigenen Wunsch von der großen Schwester Nürnberg geschluckt wurde. Es ist ein typisches Kind seiner Zeit, zweigeschossig mit achsensymmetrischen Fassaden, profilierten Fensterrahmungen, einem klassizistischen Konsolgesims und einem Zwerchhaus mit neugotischem Vierpassfenster, das zwischen zwei Giebelgauben auf der Mittelachse des Satteldaches aufragt. Im Nordwesten schließt sich ein Rückflügel an, dessen Fachwerkkonstruktion sich im Putz abzeichnet.

Seine Schöpfer waren höchstwahrscheinlich Hausherr Johann Kanhöfer, der auf dem Grundstück dereinst eine große Zimmerei betrieb und der Maurermeister Ludwig Mezger, der in den 1860er Jahren mehrere Neu- und Umbauten auf Kanhöfers Grund plante und mit seiner Firma ausführte. Die Ludwig-Feuerbach-Straße existierte damals noch nicht, und die tiefe Parzelle war mit der Hausnummer 45 der Sulzbacher Straße zugeordnet. Vom Wohnhaus und dem hochgeschossenen Vorgartenbaum verdeckt ist ein weiteres Werkstatt- und Wohnhaus und ein langgestrecktes Rückgebäude an der Grenze zum östlichen Nachbargrundstück. Als unsere Fotokarte entstand, bewohnte es Heinrich Strauß mit seiner Familie, der auf dem Areal Ludwig-Feuerbach-Straße 71/73 eine Metall- und Messinggießerei (vormals Strauß & Buchner) betrieb.

Heute sind solche Häuser in Nürnberg nahezu ausgestorben

Es ist schwer zu glauben, dass Häuser wie jenes auf unserem historischen Foto einmal die Nürnberger Vorstädte prägten. Heute sind sie nahezu ausgestorben. Schon am Ende des 19. Jahrhundert mussten viele von ihnen einer hochverdichteten Bebauung mit Mietshäusern Platz machen. Die wenigen erhaltenen Exemplare stehen heute meist umzingelt von modernen und viel größeren Mehrfamilienhäusern. Sie sind ein gebautes Loblied auf die Sturheit und die Heimatliebe ihrer Besitzer, die sich selbst von Geld und den Verlockungen moderner Wohnkultur nicht dazu verleiten ließen, ihre Häuschen aufzugeben.

Ludwig-Feuerbach-Str. 71_2025
Dieser Tage beschränkt sich das Grün auf die Waschbetontröge vor dem Neubau. Der weiße Kasten rechts ist übrigens ein bis zum Exzess gedämmter Altbau. © Boris Leuthold

Das Haus der Straußens hat die Zeiten leider nicht überdauert: Heute steht an seiner Stelle ein fades fünfgeschossiges Wohn- und Geschäftshaus der 1990er Jahre (mit der neuen Hausnummer 69, die Nr. 71 trägt jetzt das moderne Hofgebäude), das – wir hatten's ja eben von Nachverdichtung – zwecks maximaler Platzausnutzung an das westliche Nachbarhaus andockt. An die angrenzende Werkzeugmaschinenfabrik Mammut erinnert heute nur noch der Name des Kinderhauses an der Heerwagenstraße. Das im Stile des späten Klassizismus gehaltene Wohn- und Verwaltungsgebäude in der Ludwig-Feuerbach-Straße 75 wurde 2006 durch einen Brand beschädigt und anschließend derart entstellend umgebaut, dass es nicht mehr als Altbau erkennbar ist.

Nürnberg verliert mit diesen Häusern an Charme und damit an Lebensqualität

Die Stadt mag wachsen, ihre Bürgerschaft Wohnraum benötigen. Doch was nützen eine Stadtplanung und Architektur, die nur den Maximen der Verdichtung und Effizienz folgt? Die Abwechslung ist es, die den Charme ausmacht. Ohne Charme keine Lebensqualität und ohne Lebensqualität keine Stadt.

Diese Serie lädt zum Mitmachen ein. Haben Sie auch noch alte Fotos von Ansichten aus Nürnberg und der Region? Dann schicken Sie sie uns bitte zu. Wir machen ein aktuelles Foto und erzählen die Geschichte dazu. Per Post: Nürnberger Nachrichten/Nürnberger Zeitung, Lokalredaktion, Marienstraße 9, 90402 Nürnberg; per E-Mail: redaktion-nuernberg@vnp.de. Noch viel mehr Artikel des Projekts „Nürnberg – Stadtbild im Wandel“ mit spannenden Ansichten der Stadt und Hintergründen finden Sie unter www.nuernberg-und-so.de/thema/stadtbild-im-Wandel oderwww.facebook.com/nuernberg.stadtbildimwandel


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