Nürnberg - Kritisch-konstruktive Töne zur Optik und Architektur Nürnbergs - dafür ist der Verein Baulust bekannt. Mit seinen Rundgängen - mittlerweile steht der 50. an - will er zum Nachdenken und Diskutieren anregen.
15.08.2022 15:41 Uhr

Seit vielen Jahren veranstaltet der Verein Baulust Touren, um einen offenen, kritischen Blick auf die Stadträume zu werfen und Bürger miteinander ins Gespräch zu bringen. Dabei versteht sich Baulust nicht als Bau- und Expertenverein, sondern sieht sich als Plattform für alle, die Veränderungen in ihrem Umfeld wahrnehmen und kommentieren wollen.

Beim 50. Baulust-Spaziergang geht es am Freitag, 19. August, zum ziemlich heruntergekommenen Betonbau der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät an der Regensburger Straße. Dort ist um 16 Uhr Treffpunkt für alle Interessierten. Anschließend wirft die Gruppe einen Blick auf zwei historistische Villen des 19. Jahrhunderts. Zum Abschluss der zweistündigen Jubiläums-Tour diskutiert man über die Pläne für das Opern-Interimsgebäude an der Kongresshalle der Nationalsozialisten.


Worum es beim 50.Baulust-Spaziergang im Detail geht


Begonnen hatte man 2009 mit Ausflügen zu Brachflächen. Der Nordbahnhof, der Milchhof mit Bahnhofstraße und die Brunecker Straße waren Areale, auf denen grundlegende Umbrüche bevorstanden. Die Spurensuche auf den drei Geländen löste ein großes Echo aus. Baulust nutzte das Interesse und bot regelmäßig Stadtspaziergänge am dritten Freitag eines Monats in der warmen Jahreszeit mit Diskussion an. Die Reihe „Baulustwandeln“ war geboren.

Die erste Spaziergang ging zum neu gestalteten, umstrittenen Friedrich-Ebert-Platz. Die Kritik daran ist bis heute nicht verstummt. Die Radtouren zu den Bahn-Umladehallen an der Brunecker Straße im Stadtsüden haben die schönen Zweckbauten allerdings nicht gerettet - trotz einer Petition im Landtag und einer aufwändigen Ausstellung im Centrum Industriekultur.

"Schockmomente überstehen"

"Manchmal hatten wir auch Schockmomente zu überstehen", erinnert sich Baulust-Vorsitzende Brigitte Sesselmann, "wenn statt der üblichen 20 Teilnehmer plötzlich über 60 Leute erwartungsvoll vor uns standen. Da war organisatorisches Improvisieren gefordert." Die unerwartet große Nachfrage registrierte man natürlich sehr erfreut.

Der Verein verzeichnet nach eigener Einschätzung auch Erfolge, wenn etwa "von Sör wild im Stadtraum abgestellte Müllcontainer nach dem kritischen Blick beim Rundgang stillschweigend verschwunden waren". Baulust ist vor allem in Stadtteilen unterwegs, die von Veränderungen betroffen sind. Es geht nicht alleine um Architektur, sondern auch um das gesellschaftliche Miteinander in Nürnberg. Der gemeinsame öffentliche Raum soll ein demokratisches Leben mit offenen Diskursen ermöglichen, so das Anliegen.

Momentan sind brennende Themen der Klimaschutz, die Nachverdichtung, die zu hohe Versiegelung und das überall fehlende Grün. Eine langfristige Stadtentwicklung und ihre Planung werden immer im Fokus von Baulust stehen. Dazu gehört die konstante Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände, betont Sesselmann. Deshalb gibt es beim Jubiläums-Spaziergang auch einen Abstecher dorthin. Baulust fordert bei den Kongresshallen-Plänen Transparenz der Entscheidungen und Planungen ein - und hofft auf engagierte Unterstützung durch immer mehr interessierte Bürger.